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Volker Lüke

SOUL

Blick in die Hölle, Blick in die Seele:

Lee Fields im Lido

Dem allgemeinen Kopfschütteln über die jungen Leute kann nur Reife entgegengesetzt werden. Der in Ruhe gereifte Camembert oder der gute Whisky, der all die Jahre wuchs. Wie die Musik von Lee Fields, einem weiteren Gralshüter des traditionellen US-Souls, den die Revival- Welle nach Sharon Jones und Charles Bradley in die Stadt gespült hat. Ein obskurer Soul-Veteran, der bereits seit 1969 dabei ist und für dessen alte Singles in Sammlerkreisen Höchstpreise gezahlt werden, während er selbst damit kaum etwas verdient hat. Erst eine Wiederentdeckung durch die junge Hipsterszene in New York ermöglichte ihm den Sprung zum gefeierten Entertainer, der im Stadium der absoluten Vollreife seine verdiente Rente einspielt. Mit „Faithful Man“ hat er gerade ein wunderbar altmodisches Album veröffentlicht, das mühelos die hymnischen Qualitäten alter Klassiker erreicht. Echter Brat-Soul. Nicht dieses blutleere Plastik-Zeug, das uns seit Jahren als R&B verkauft wird, sondern eine Musik, die direkt das Herz berührt und bei der man sofort an die sechziger und frühen siebziger Jahre denkt, an Otis Redding oder James Brown, geplättet vom großen Bügeleisen am Himmel.

Im Lido präsentiert sich Fields als heißblütiger Gentleman, der dem weiblichen Teil des Publikums seinen Clubhit „Ladies“ widmet und das große Stöhnen unter dieselben bringt, wenn er bei Songs wie „Could It Be“ im Glitzeranzug auf die Knie fällt und gebrochene Herzen zusammenkehrt, während die großartig lässigen Expressions den 59-jährigen Sänger mit knappen Bläsersätzen, Orgel, Gitarre und einer kochenden Rhythmusabteilung zur Höchstleistung anspornen. Und wenn Fields seine Stimme hebt, so hitzig und voluminös, als käme sie direkt aus dem Schlund der Hölle, um dann mit jeder Note so zärtlich umzugehen, als könnte sie unter einem falschen Zungenschlag zerbrechen, glaubt man einen tiefen Blick in die Seele eines Menschen werfen zu können. Wenigstens für 90 Minuten, in denen gewankt, geschwitzt und gejubelt wird. Volker Lüke

POP

Songs für die Zukunft:

Laura Marling im Postbahnhof

Vor zwei Jahren sang Laura Marling noch im winzigen Kreuzberger Privatclub. Doch hat sich die Nachricht herumgesprochen vom außergewöhnlichen Talent der jungen englischen Singer/Songwriterin, die bei den Brit Awards zur „besten Musikerin 2011“ gekürt wurde. Ihr Ruhm wächst, so dass diesmal sogar das Lido zu klein war, und das Konzert verlegt wurde in den größeren Postbahnhof. Symmetrische Strenge auf der Bühne spiegelt Ordnung und Konzentriertheit einer exquisiten Vorstellung. Auf Podesten zur Rechten und zur Linken wirken als rahmende Außenposten der dynamische Drummer Matt Ingram und an den Tasten Peter Roe, der eben noch als fabelhafter Sänger und Gitarrist das Vorprogramm bestritten hat. Hinten in exakter Reihe: Cello, Banjo, Kontrabass. Und vorne, im akustischen wie optischen Mittelpunkt, sehr blond, mit blauer Denim-Jacke, heller Hose: die 22-jährige Laura Marling.

So zierlich sie wirkt, füllt sie trotzdem mühelos den Raum, Bühne, Saal, und Herzen ihrer sehr jungen, überwiegend weiblichen Fans. Mit für ihr Alter erstaunlich reifen und raffinierten Songs, einer feinen Auswahl aus ihren drei bislang erschienenen Alben. Mit wunderbaren Melodien, inspiriert von alten keltischen Folksongs, vermischt mit Elementen von Jazz, Country, vertrackter Led-Zeppelin-Rhythmik und gewitzten Arrangements. Immer wieder wechseln die Instrumente der Begleiter: Orgel, Piano, Harmonium, Horn, E-Gitarren, Mandoline, Autoharp. Sowie Lauras diverse Akustikgitarren – Nylonsaiten, Stahlsaiten, und Unmengen unterschiedlicher Open Tunings. Gitarrenkünste, die an die große Joni Mitchell erinnern.

Wie sich auch in Lauras bezauberndem, makellos intonationssicherem Gesang immer wieder Joni Mitchells Spuren finden, aus denen sie herausgetreten ist und sich nun auf einen eigenen hoffnungsvollen musikalischen Weg begeben hat. Delikate Lässigkeit, ein brillantes Konzert war das: Kurz, kompakt, intensiv. H.P. Daniels

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