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KLASSIK

Seele Amerikas: Leonard Slatkin

mit dem DSO in der Philharmonie

„Amerikanisten“ heißen in der amerikanischen Geschichtsschreibung die Komponisten, für die Leonard Slatkin als gern gesehener Gast am Pult des Deutschen Symphonie-Orchesters plädiert. Das amerikanische Idiom ist in der Suite „Appalachian Spring“ von Aaron Copland kantabel, folkloristisch und von der Absicht geprägt, dem Publikum zu gefallen. Volkstümliche Szenen, Pioniergeist, fromme, ländliche Stimmung, Hochzeit, ursprünglich ein Ballett von Martha Graham. Ewig singen die Streicher: Das gilt für das Programm bis zum Ausklang mit der Achten von Dvorák, seiner G-Dur-Symphonie, mit der er in Chicago triumphierte. Auch in der Philharmonie gelingt eine feurige Interpretation aus Klangkultur in allen Gruppen, gefeiertem Vogelschlag der Flötistin Kornelia Brandkamp und blendenden Fanfaren. Das Orchester harmoniert mit Slatkin, weil der Amerikaner Rhythmus hat, wie geschaffen für diesen Abend, Spannung im graziösen Walzer.

Ein Ton, der lebt! Er kommt von dem Cellisten Steven Isserlis und seiner Kunst, eine Vielfalt von Vibrato zu entfalten. Die Hebräische Rhapsodie „Schelomo“ von Ernest Bloch erklingt, dem Schweizer in den USA, 1917 auch er auf dem Weg zum Amerikanismus. Umsungen wird in diesem Stück der Prediger Salomo, und das große Solo ist ein Lamento, das die „jüdische Seele“ sucht. Synagogengesang und Virtuosität auf einem Stradivari-Cello: Zu dieser Verbindung passt, dass Isserlis seine Herkunft auf die Familie Mendelssohn zurückführt. Sybill Mahlke

POP

Kurzes Glück:

Gretchen Peters im Crystal

Sagen wir’s gleich vorweg: Der Auftritt der amerikanischen Singer/Songwriterin Gretchen Peters im Crystal war hinreißend und gleichzeitig ein Desaster. „Hello Cruel World“, der Titelsong von Peters’ exquisitem neuen Album wirkt wie ein Echo auf Bob Dylans „It’s not dark yet, but it’s getting there“. Zu dunklen Akkorden ihrer Akustikgitarre singt sie „I’m not dead yet, but I’m damaged goods, and it’s getting late“. Mit tief berührender, von Lebenserfahrung angeschabter Stimme, begleitet von Ehemann Barry Walsh an Piano und Glockenspiel sowie einer Mitstreiterin an Percussions, Lapsteel und twängender E-Gitarre. Um dann wieder den Dreh zu finden zu Freude, Mut und Hoffnung: „Me I’m gonna stick around cause I hate to miss the show“.

Die Show in Berlin verpassen wollten keinesfalls einige von Gretchen Peters’ treuen Fans, die eine weite Anreise auf sich genommen hatten, um eines ihrer raren Deutschlandkonzerte zu hören. Was sie erlebten, war schwere Enttäuschung. Der Auftritt von Gretchen Peters war kurzfristig in die Veranstaltung „Rockpoeten“ eingebaut worden. Mochte man die Berlinerin Lisa Bassenge als „Vorprogramm“ vielleicht noch hinnehmen, provozierte das Zusammenstutzen von Gretchen Peters’ Programm auf eine dürftige halbe Stunde heftige Proteste. Nach gerade mal fünf eigenen Songs und „Wild Horses“ von den Rolling Stones war es schon vorbei. Tosender Jubel – und berechtigt zornige Kommentare. Gretchen Peters konnte nichts dafür.H. P. Daniels

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