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POP

Glücklich: Prinzhorn Dance School

in der Berghain-
Kantine

„Happy in Bits“ – der Titel der neuen Single, auch Eröffnungsstück des neuen Albums, benennt noch einmal das Programm. Prinzhorn Dance School sind zwar beim New Yorker Electrolabel DFA Records untergekommen, doch ihre Bits haben nichts mit Computern zu tun. Der Band aus dem britischen Seebad Brighton geht es um die Suche nach dem kleinen Glück im Bruchstückhaften. Nicht Bits and Bytes, sondern Bits and Pieces. Analoger als bei Prinzhorn Dance School geht es auch gar nicht. Das Duo Tobin Prinz und Suzi Horn, das sich und ihr Projekt nach dem deutschen Psychiater, Kunsthistoriker und Sänger Hans Prinzhorn benannt hat, verlässt sich ausschließlich auf Gitarre, Bass und Gesang, unterstützt von einem Schlagzeuger.

Mit althergebrachten Rocktrio-Arrangements haben Prinzhorn Dance School allerdings auch nichts zu schaffen. Zwar neigt das neue Album „Clay Class“, das die Band beim Konzert in der Berghain-Kantine vorstellt, ein bisschen mehr in Richtung strukturierter Songs als das Debüt „Prinzhorn Dance School“ von 2007. Aber das minimalistische Konzept ist erhalten geblieben: eine fast nebensächlich eingesetzte E-Gitarre, die lieber einzelne Töne in den Raum stellt, als Akkorde runterzureißen; der Bass, der mit magenkuhlentiefem Rumpeln am ehesten so etwas wie Struktur schafft; das Schlagzeug, das ungern antreibt, sondern dazwischenhämmert und den ohnehin schon spärlichen Fluss der Songs immer wieder unterbricht; der Gesang, der weniger aus Strophe und Refrain besteht, als vielmehr einem Frage-Antwort-Spiel der beiden Protagonisten gleicht. Und kaum zu glauben, aber jetzt wieder bewiesen: Stillstehen fällt schwer bei dieser nur dem ersten Eindruck nach verkopft anmutenden Mischung. Markus Hesselmann

THEATER

Tierisch: „Reineke Fuchs“

im Theater im Palais

„Uns verhelfe der Herr zur ewigen Herrlichkeit. Amen!“ So endet Goethes Versepos „Reineke Fuchs“ (1793/94). Blanker Hohn? Held der zwölf Gesänge in Hexametern ist ein Dieb, ein Mörder und Folterer. So anmutig die Verse auch durch Landschaften und Lebensräume geistern, so widerwärtig ist, was geschieht. Reineke Fuchs beherrscht das Königreich der Tiere durch die raffinierte Handhabung von Gier. Nicht trotz, sondern wegen seiner zahllosen Verbrechen wird der schlaue Fuchs schließlich zum Kanzler des von König Nobel nachlässig beherrschten Reichs.

Goethe wollte in einem Hof- und Regentenspiegel die Tierheit des Menschengeschlechts offenlegen, und die Dichtung hat eine geradezu beklemmende Nähe zu heutigen gesellschaftlichen Vorgängen. Aber es ist ein Wagnis, aus den zwölf Gesängen Geschichten für das Theater zu machen, groß das Risiko im Rezitieren stecken zu bleiben.

Das Theater im Palais hat einen ehrlichen Weg der Annäherung gewählt (wieder am 1., 14. u. 15.4.). Zwei Schauspielerinnen versuchen, in die geistige Welt des Tierepos vorzudringen, indem sie ihr Wissen über das tierisch-menschliche Wesen mit Witz und pantomimischem Können preisgeben. Sie deuten das Kreatürliche nur an, fordern das Publikum zu Entdeckungen auf. Gabriele Streichhahn und Ursula-Rosamaria Gottert machen die weiß gewandete Bühne von Alexander Martynow zu einem kleinen Reich: ein hochlehniger Stuhl, sanftrote Vorhänge genügen, „viele stolze Gesellen von allen Seiten und Enden“ hervorzuzaubern. Regisseur Herbert Olschok will keine „Verwandlung“, sondern Annäherung – alles soll durchsichtig, heiter bleiben. Dazu musste eine Fassung her, die das Epos rafft, dramaturgisch umgestaltet. Doch trotz der Gelenkigkeit der Schauspielerinnen und Ute Falkenaus humorvollem und akkuratem Klavierspiel bleiben Reinekes Abenteuer bedachtsam. Richtig lebendig werden sie nur in glücklichen Momenten. Christoph Funke

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