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Foto: Die Neue Sammlung
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KLASSIK

Edle Elegien: Karthäuser und Tiberghien im Kammermusiksaal

Was für ein schönes Paar! Er der große, schlanke Dandy, sie eine zierliche Erscheinung in elfenbeinweißer, fließender Abendrobe. Sophie Karthäuser und Cédric Thiberghien sind in den Kammermusiksaal gekommen, um im kleinen Kreis dem Dichter Paul Verlaine zu huldigen, mit Vertonungen seiner Zeitgenossen Claude Debussy und Reynaldo Hahn sowie post-impressionistisch Nachkomponiertem von Benoit Mernier und Bernard Foccroulle. Das kristalline Spiel des französischen Pianisten schafft die ideale Atmosphäre für die symbolistischen, dekadenten Verse, die belgische Sängerin lässt ihren lyrischen Sopran funkeln, betörend vielfarbig, als wenn sich wechselnde Lichtstimmungen in kunstvoll geschliffenem Glas brechen. Mit immenser Geschmeidigkeit folgt sie der Sprachmelodie, schmiegt sie sich den eleganten Elegien an: Da sind die feinen Grautöne in den Winter-Liedern, da ist das silbrige Licht des Frühlingsmondes, da sind die wollüstigen Schattenspiele der Sommernacht.

Mozart haben Sophie Karthäuser und Cédric Tiberghien als Gegenpol zu dieser sublimen Künstlichkeit gewählt: Hier werden die beiden Künstler zu mitreißenden Theaterleuten, der Pianist lässt ein ganzes Orchester unter seinen Fingern aufrauschen, die Sängerin ist nun eine Frau mit Unterleib, aus Fleisch und Herzblut, wenn sie die Briefe des ungetreuen Liebhabers verbrennt, wenn sie durch das zufällige Erscheinen der Mutter beim Stelldichein vorm Fehltritt gerettet wird, wenn sie erzengelgleich in der Kantate „Die ihr des unermesslichen Weltalls Schöpfer ehrt“ die Völker zum Frieden mahnt: „Seid weise nur, seid kraftvoll und seid Brüder!“ Frederik Hanssen

FOLK

Schlabbern und Schlottern: 

Die Felice Brothers im Postbahnhof

Als die Felice Brothers nach drei grandiosen Alben 2009 zum ersten Mal in Berlin spielten, war es ihr Freund A. A. Bondy, der ihnen im Vorprogramm die Show stahl. Es wurde eine enttäuschend verkrachte Vorstellung der so hoffnungsfrohen Americana-Band aus dem Upstate New York. Auch diesmal im Postbahnhof ist der Support der eigentliche Gewinner des Abends: Craig Finn und seine wunderbar zornig knurrende Band erzeugen einen berauschend dichten Klang. Brütendes Wüstenflirren und Country-Psychedelia mit schmierender Pedal-Steel und rasanten E-Gitarren. Der Hauptact wirkt dagegen schwerfällig rumpelig. Die Brüder James und Ian Felice, ein Dicker und ein Hauchdünner, an Orgel und Gitarre. Bassist Christmas Clapton, einst unterwegs als reisender Würfelspieler, ist heute reisender Glücksspieler auf dem Bass. Greg Farley fiddelt und der Drummer hackt alles kurz und klein.

„Hey Hey Revolver“ hatte doch so schön geklungen auf dem ersten Album von 2007. Oder „The Big Surprise“ auf dem zweiten. Weitere brillante Songs werden im Konzert gnadenlos zerscherbelt, mit Höllenlautstärke über der Verzerrungsgrenze. Dass alles bebt und wackelt: Köpfe, Wände und das Timing. Es stolpert, holpert, torkelt. „Run Chicken Run“.

Was ist los? Können sich die Musiker auf der Bühne selber nicht hören? Oder ist es ihre Ausgelaugtheit am Ende der Europatour? Dass alles so schluderig schlabbert und schlottert. Kein Ton, kein Beat, wo er hingehört. Kein Groove. Wie schön, wenn der Trommler mal Pause macht, und Ian Felice mit knarziger Keith-Richards-Stimme in Ruhe den tollen Song „Saint Stephen’s End“ singt. Trotzdem gibt es noch ein paar kleine Lichtblicke: „Frankie’s Gun“ mit Akkordeon, und die Boxer-Storys „Cus’s Catskill Gym“ und „Ballad Of Lou The Welterweight“, die ein wenig an Bob Dylan erinnern. Doch auf Platte klingt es besser. H. P. Daniels

DESIGN

Wippen und Federn:

Freischwinger im Bauhaus-Archiv

Eine Ausstellung über Stühle hat einen Haken. Man darf sich auf die Exponate nicht setzen, dabei wäre das in diesem Fall doch besonders schön. Die Neue Sammlung aus München ist mit einer Schau zur Geschichte des Freischwingers im Berliner Bauhaus-Archiv zu Gast. Mit der Erfindung dieser Stühle ohne (Hinter)beine in den zwanziger Jahren, wurde das Sitzgefühl revolutioniert, man begann zu wippen, federn, lümmeln.

Der Niederländer Mart Stam lieferte 1926 ein noch recht starres Modell aus Gasleitungsrohren. Wesentlich weiterentwickelt wurde der Stuhl dann im Bauhaus. Marcel Breuer und Ludwig Mies van der Rohe setzten auf flexiblere Stahlrohr-Konstruktionen. Und später kamen Materialien wie Holz, Plastik und sogar Pappe dazu, wie beim „Wiggle Side Chair“ des Architekten Frank Gehry von 1972. Nicht selten war die Geburt eines Freischwingers ein statischer Balanceakt, viele Ideen krachten unter den Erfindern zusammen. Fünfundzwanzig Modelle hat die bedeutende Design-Sammlung für die Schau „Stühle ohne Beine“ ausgewählt (Klingelhöferstraße 14, bis 10. Juni; Mi–Mo 10–17 Uhr): Unikate, die mehr Skulptur als Sitzgelegenheit sind, genauso wie Verner Pantons Designklassiker aus einem Kunststoff-Block, oder der Polster-Freischwinger von Rudolf Horn, eine Antwort aus der DDR auf Mies van der Rohes Barcelona-Sessel.

Ein Stuhl ist ein Stuhl? Mitnichten. Die abwechslungsreich zusammengestellte Ausstellung schärft den Blick fürs Design. Symmetrien wurden aufgegeben, manch hier gezeigte Sitzfläche schwebt auf einer in sich gedrehten Achse. Nur Marcel Breuers Prognose wurde nicht wahr: „Am Ende sitzt man auf einer elastischen Luftsäule.“ Anna Pataczek

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