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POP

Auf den Straßen Brasiliens:

Céu im Lido

Ihr bürgerlicher Name klingt wie eine Reise, über die Kontinente und durch die Zeit: Maria do Céu Whitaker Poças. Die 31-Jährige aus São Paulo scheint ihn als musikalische Verpflichtung zu betrachten. Somnambul wandelt Céu (Himmel), wie sie sich als Künstlerin nennt, durch die Stile und Epochen. 2005 erschien ihr Debütalbum, das für mehrere Grammys nominiert wurde. Staunend haben die Kritiker seitdem alle möglichen Rhythmen und Klänge in ihrer Musik entdeckt: von Bossa Nova (natürlich) über Bigband bis hin zu Ska. Dabei ist ihr unbeschwerter Eklektizismus nur der folgerichtige Ausdruck einer Nation, in der Kulturen vorurteilsfrei miteinander verschmelzen. Und er ist das Ergebnis von Céus Herkunft aus einer Musikerfamilie: Sie komponiert ihre Songs, spielt Gitarre, Bass, Klavier.

Als Erneuerin der brasilianischen Musik wird die Sängerin nun gefeiert – und kommt vor diesem Hintergrund eher schüchtern auf die Bühne des Lido. Sie streicht sich durch die Locken, trägt eine luftige Bluse, auf ihrer linken Schulter ist eine Rose tätowiert. Céu stimmt einen ihrer wenigen Songs auf Englisch an, ihre herzwarme Stimme füllt den Raum, während ihre Band mit Bass, Gitarre, Schlagzeug und Keyboard einen Klangteppich aus den Stoffen Blues, Bossa und Jazz darunterwebt. Der Sound ist perfekt, vielleicht zu perfekt, wie auch die Show erstaunlich überraschungsfrei bleibt.

Céu präsentiert ihre letzte CD, „Caravana Sereia Bloom“, zu der sie der Film „Bye Bye Brazil“ (1979) inspirierte, in dem ein Wanderzirkus ins brasilianische Hinterland vordringt. Sie singt vom Gegenwind auf der Straße, von Sirenen und einem traurigen Clown, der ihr Vater ist. Das ist innerlich, nostalgisch, retrospekiv. Doch die große Geste ist nicht die Sache von Céu. Das Charisma ihrer Vorbilder von Billie Holiday bis Erykah Badu geht ihr ab. Eher würde sie in einen Jazzclub passen. Dem Publikum ist es gleich. Es schwelgt und wiegt sich und bekommt zwei Zugaben geschenkt. Philipp Lichterbeck

KLASSIK

In der Endzeit: Ivo Pogorelich

mit Chopin und Liszt im Konzerthaus
Wie lange kann man einen Bogen dehnen, bis er zerreißt? Wie viel Stille verträgt ein Ton, ohne dass er die Beziehung zum nächsten verliert? Und wie viel Publikum erlaubt der intime Moment, in dem ein Werk seziert wird, um zu dessen Wesenskern vorzudringen? Ivo Pogorelich, der große, erratisch-exzentrische Pianist, hat seine Anschlagskunst derart radikalisiert, dass einem beim Chopin-Liszt-Recital im Konzerthaus mitunter fast unbehaglich zumute ist. Schon Chopins b-Moll-Sonate, die Pogorelich vor gut 30 Jahren erstmals einspielte, ist kaum wiederzuerkennen. Die Figuren des Kopfsatzes und des Scherzos meißelt er unerbittlich in die Tasten, um sich im nächsten Moment der Selbstvergessenheit hinzugeben. Im berühmten Trauermarsch kehrt er irritierende Mittelstimmen hervor, und das ohnehin irre Tempo des Zwei-Minuten-Prestos steigert er schließlich ins Wahnwitzige.

Ob beim c-Moll-Nocturne op. 48/1, bei Liszts Mephisto-Walzer oder dessen h-Moll-Sonate: Der 53-Jährige verweigert Gefälligkeiten, er liebt die Extreme, den höchsten Diskant, den tiefsten Bass, die Abstraktion, die in Ekstase umschlägt und zurück ins Kalkül. Ein Zeremonienmeister, der das Ende der Liszt-Sonate mit der Aura des Unwiederbringlichen ausstattet, jeder einzelne, unendlich einsame Ton ein Nullpunkt, ein Endpunkt, Apotheose des Abschieds. Das ist unerhört modern, aber es birgt auch das Risiko der Erstarrung. Stille, Ovationen, keine Zugabe, verhaltenes Lächeln – alles andere wäre Verrat an der Kunst. Christiane Peitz

THEATER

Letzte Wege: „Dead Man Walking“

in der Vaganten Bühne

Ringen um einen Mörder. Das ist aussichtslos für alle, die mit dem zum Tode verurteilten Jake im Gefängnis in Louisiana zu tun haben. Nicht für Sister Helen Prejean. Die Nonne sucht für den Verworfenen nach einem Rest von Würde, damit auch er sein Verbrechen begreifen kann. Als Kämpferin gegen die Todesstrafe wird sie Jake auf seinem letzten Weg begleiten . Die Geschichte – von Sister Helen Prejean selbst aufgezeichnet – wurde durch den Film „Dead Man Walking“ berühmt, Martin Jürgens hat sie nun für die Vaganten Bühne bearbeitet (wieder von 29. - 31.4.).

Auf einem Steg finden die Gespräche der beiden Ungleichen statt. Sie werden unterbrochen durch die Versuche der Nonne, Licht ins Leben des Verurteilten zu bringen. Dabei muss sie sich gegen Opfer und Offizielle behaupten. Fritz Bleuler spielt diese Rollen „am Rande“ so, dass das mitunter anmutig überlegene Bekenntnis der Nonne zu ihrem Auftrag geradezu leuchtet. Wicki Kalaitzi spielt Sister Prejean als Suchende, die im Gesicht des Verurteilten unablässig nach nach Wahrheiten forscht. Sie lässt Neugier zu, Heiterkeit. Kalaitzi zeigt das Unzerstörbare einer Person, die sich nicht den Klischees beugt. Martin Molitor spielt Jake kräftig und rau und dann weich und verträumt. Ihn macht das Zusammentreffen mit der Nonne unsicher – und stark. Nach der Henkersmahlzeit bricht Jake zusammen, und trotz der Glasscheibe zwischen Nonne und Todeskandidat gibt es fast eine Liebesszene. Das ist feinfühlig, wahrhaftig in jeder Regung, und im Zuschauerraum herrschte Stille. Eine Verteidigung von Menschlichkeit, schlicht, geradsinnig. Christoph Funke

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