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KLASSIK

Im Spiegelkabinett: der Pianist Grigorij Sokolov in der Philharmonie

Die Anhängerschar, die Grigorij Sokolovs Auftritte in der Stadt herbeisehnt, wächst Jahr für Jahr. Inzwischen füllt sie die Philharmonie ohne Mühe – in der Gewissheit, einen Pianisten zu erleben, der so gar nicht vom Zeitgeist umweht ist. Applaus überhört Sokolov geflissentlich, auch wenn er mächtig aufbrandet und Blitzlichter aufs Podium schleudert. Am Steinway träumt der 61-jährige St. Petersburger seinen Traum von der Kunst, entrückter, ernsthafter und zugleich zarter als die meisten seiner Kollegen. Ihm dabei zuhören zu dürfen, ist ein Geschenk, das oft Staunen macht, aber nicht immer leicht auszupacken ist.

In Rameaus „Suite en Ré“ integriert er Triller und Praller mit unwahrscheinlicher Fingerfertigkeit in eine filigrane Linie, formt sie zur Melodie selbst, zu einem schwerelosen Spiel, dessen karikierender Biss („Die Einfaltspinsel von Sologne“) sich auflöst wie Hochnebel, durch den die Sonne bricht. In Mozarts a-Moll- Sonate KV 310 entdeckt Sokolov ein Heulen, das durchs allegro maestoso fegt, einen Unglücksklang, der das Tor öffnet für einen großen Melancholiker am Flügel. Der tut sich an diesem Abend schwer mit Brahms' selbstgewissen „Variationen über ein Thema von Händel“. Unpersönlich wirkt ihre Wucht, abgestellt ihre Pracht.

Am liebsten hätte Sokolov die Intermezzi op. 117 direkt angehängt, um die Balance hin zum Fragilen zu verschieben, das Leben passieren zu lassen, träumend. Doch der Jubel gebietet Aufschub. Dann aber betritt Sokolov ein Spiegelkabinett, so vorsichtig, so versunken, wie man es nur ganz selten erlebt. Es folgen sechs Zugaben. Es bleiben die Intermezzi. Ulrich Amling

FILM

Auf steilen Pfaden:

die Doku „Out of the Darkness“

In entlegenen, meist armen Regionen der Erde, wo lange Fußmärsche über Stock und Stein überlebensnotwendig sind, verdammen schon mindere Sehbehinderungen zu einem Leben in Passivität und Abhängigkeit. So sind Augenkrankheiten weltweit eine der wesentlichen Ursachen für Elend.

Dabei wären viele dieser Teil- oder Voll-Erblindungen einfach zu heilen. Denn die meisten sind dem Grauen Star geschuldet, der wegen schlechter Ernährung und Umwelteinflüssen oft schon in frühen Jahren auftritt. Doch die KataraktLinsenimplantation, in Deutschland längst ein Routineeingriff, ist dort unbezahlbar. Ein adäquates Gesundheitssystem fehlt oft, auch die Implantate werden meist teuer aus der reichen Welt importiert. Doch dann entwickelte der nepalesische Arzt Sanduk Ruit in Kathmandu eine kostengünstige Linsen-Produktion und 1986 auch eine neuartige Operationsmethode, mit der die Transplantationen ambulant mit leichter Ausrüstung durchgeführt werden können. Heute starten vom 1994 gegründeten Tilganga Eye Center regelmäßig ophtalmologische Expeditionen in schwer zugängliche Teile der Welt.

Der Kölner Fotograf Stefano Levi hatte schon 2007 für eine Reportage bei einem solchen Augencamp fotografiert. Als der Arzt drei Jahre später zu einer Tour in den Himalaya aufbrach, war Levi mit Filmteam dabei. Das Besondere: Die Route führte auch zu Doktor Ruits Heimatdorf hoch oben am Olangchungola-Pass, wo der frühe Tuberkulose-Tod seiner Schwester ihn zum Medizinstudium brachte. Ein sentimentaler Moment für den heute über 60 Jahre alten Mann, dem die Bergtouren nicht mehr leicht fallen. Der Film folgt der Expedition, die auf beschwerlichen Mehr-Tagesmärschen mithilfe einheimischer Träger und der gesamten Klinikausstattung auf dem Rücken zu den Menschen vordringt, die es mit eigener Kraft nie zum Arzt schaffen würden.

Auch wenn manchmal etwas arg folkloristische Musik ertönt und manche Träne dramaturgisch allzu zielstrebig eingesetzt scheint: „Out of the Darkness“ ist ein professionell gemachter Film für eine offensichtliche unterstützenswerte Sache. Und daran gibt es natürlich nichts zu meckern (Tilsiter Lichtspiele, OmU im Babylon Mitte). Silvia Hallensleben

KUNST

Ein großer Spaß: Franz West und Anselm Reyle im Schinkel-Pavillon

Der Schinkel-Pavillon an der Oberwallstraße sieht momentan so aus, als ob ein Farbgewitter durch den Rundbau gefegt wäre: Neongrün befleckte Stühle stehen neben orange bespritzten Lampen, während man dazwischen auf grelle, einsam platzierte Neonleuchten stößt (Schinkel-Pavillon, Oberwallstraße 1, bis 22. April, Do–So 12–18 Uhr). Diese aberwitzigen Assemblagen, die sich einer klaren Zuschreibung entziehen, sind das Ergebnis eines ziemlich skurrilen Dialogs: Die Künstler Franz West aus Österreich und Anselm Reyle aus Deutschland haben ihre Ateliers nach altem Krempel durchsucht, um sich anschließend die Ausschussware gegenseitig zuzuschicken und zu verfremden – wie in einem Ping-Pong-Verfahren. Das schöne Spiel zog sich über zwei Jahre hin. Es begann 2010. Jeder der beiden hatte das Recht, die Kommunikation zu beenden und den frisierten Gegenstand – ob nun Tisch, Lampe oder Stuhl – zum Kunstwerk zu erklären.

„Stolen Fantasy“, so der Titel der Ausstellung, die ironisch mit den Regeln künstlerischer Schaffenskraft spielt, changiert zwischen Kunst und Design, Trash und Pop. Dabei bleibt jedoch bis zuletzt unklar, welcher der beiden Künstler für welches Detail an den Objekten verantwortlich ist. Es geht rein um das ästhetische Gesamtergebnis. Außerdem werden alle Besucher dazu eingeladen, die skulpturartigen Gebrauchsgegenstände und die teils aus Sperrmüll zusammengewürfelten Installationen beherzt anzufassen oder sogar zu benutzen. Damit wird in einem spielerischen Verfahren die Frage aufgeworfen, wo Dinglichkeit aufhört und Kunst beginnt. So weit muss man es aber nicht treiben. Das Experiment ist zugleich ein neckischer Spaß, der auch ohne großes Grübeln funktioniert. Tomasz Kurianowicz

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