KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Liebesschub: Kristjan Järvi dirigiert die Junge Deutsche Philharmonie

Zehn Sätze, eine überschäumende Fülle an Klangfarben, Rhythmen, die sich wie Personen verhalten, gespiegelte Notenwerte, Jazz, Bigband, Filmmusik: Olivier Messiaens Turangalîla-Symphonie ist gewaltig, maßlos, überbordend in ihrem Kunst- und Klangwillen – und damit genau das richtige Stück für die Junge Deutsche Philharmonie. In der Philharmonie stürzt sich das Orchester mit Energie und Feuereifer in Messiaens Klangmeer und in die Arme von Kristjan Järvi, des Dirigenten mit dem John-Travolta-Lächeln, dem es gelingt, den Elan zu disziplinieren und in einen Rahmen zu fassen.

Am Ende sind seine Haare nass geschwitzt – für Klangergebnisse von goldener Schönheit. Zwar schießen die jungen Musiker manchmal übers Ziel hinaus, besonders das Schlagwerk ist sehr ehrgeizig, dann verliert der Klang an Eindeutigkeit. Aber auch das hat seinen Reiz, spiegelt es doch die Bedeutungsvielfalt des Sanskrit-Wortes „Turangalîla“, das „Gesang der Liebe“, aber auch „Hymne an die Freude“ heißen kann.

Zwei Stimmen ragen heraus. Pianistin Tamara Stefanovich verschafft sich mit markantem Anschlag eigenes Profil, kann sich aber auch chamäleonartig dem Gesamtklang anpassen, vor allem im verwunschenen sechsten Satz „Jardin du sommeil d’amour“, in dem sie nur von Streichern und Celesta begleitet wird. Und dann ist da noch das drollige „Ondes Martenot“ (gespielt von Thomas Bloch), das eine fremde, elektronische Klangfarbe zuliefert, die selbst im lautesten Tutti noch auf der Welle reitet und deutlich zu hören ist, ja sogar in den Ohren schmerzt. Sie ist das Einzige, was an diesem Abend wehtut. Udo Badelt

PERFORMANCE

Kaufrausch: Alice im Wunderland

bei Karstadt am Hermannplatz

Im Dekolager warten Schaufensterpuppen und Osterhasen auf den nächsten Einsatz. Zwischen Ramsch und Ladenhütern muss sich Alice hindurchkämpfen, eine Panikattacke im Lastenaufzug durchstehen – bis sie endlich im Einkaufsparadies ist. Karstadt am Hermannplatz kam einem schon immer irgendwie wie eine irre Inszenierung vor, nun wird es zur Bühne: Die Performance „Alice im Wunderland“ von MS Schrittmacher, eine aberwitzige Reise durch die Welt des Konsums, wird bei laufendem Betrieb gespielt. Die Zuschauer, die Alice (Antje Rose) von der Lebensmittelabteilung bis zum Restaurant folgen, treffen auf verhaltensauffällige Ein- und Verkäufer.

Die verrückten Kreaturen aus Lewis Carrolls Buch „Alice in Wonderland“ haben das Kaufhaus unterwandert. Aber auch Personal und Kunden werden zu Mitspielern, mal staunend, mal standortgemäß motzend. Alice begegnet Promotion-Jobbern im Hummerkostüm. Die Raupe will ihr einen neuen Look aufschwatzen. Sie legt sich an mit der Geschäftsführerin, die nur ein Wort kennt: Gefeuert! In der Multimedia-Abteilung flimmert dann auf allen Fernsehern ein bescheuertes Video mit Armin Dallapiccola als abgehalftertem Popstar. Im Schlemmerparadies steht eine Frau heulend vor der Theke mit dem zerlegten Geflügel. Und Alice tanzt einen Tango mit dem SecurityMann. Martin Stiefermann nimmt mit seiner Performance unser Konsumverhalten unter die Lupe und verdreht dabei jede Verkaufspsychologie genüsslich ins Absurde. Danach überlegt man sich genau, was in die Tüte kommt (Karstadt am Hermannplatz, wieder am 2. – 5., 7. April, 15 und 18 Uhr). Sandra Luzina

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