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OPER:

Niedrigwasser: Barenboim dirigiert „Rheingold“ im Schiller Theater

Ein gellend frenetischer Schrei, dem heftiger Beifall folgt, feiert die Wagner-Premiere der Festtage im Schiller Theater. Daniel Barenboims Staatsoper begeht ihr Frühlingsfestival, und es ist zu hoffen, dass der künstlerische Gesamtertrag der Woche dieses „Rheingold“ überbietet. Es handelt sich um die Koproduktion mit der Mailänder Scala. Und wenn das Programmbuch die – zunächst halb vollendete – Produktion zu einem „,Ring’ für das 21. Jahrhundert“ erhöhen will, dann fasst man sich an den Kopf. Obwohl das Konzept einer Präsenz aller Zeit nicht ohne Reiz wäre. Am „Vorabend des Bühnenfestspiels“ herrscht in der Tiefe des Rheins Niedrigwasser. In realen Pfützen bespritzen die Rheintöchter den geilen Alberich. Abendfüllend flimmern Videoprojektionen von mehr oder minder tieferer Bedeutung über den Hintergrund. Das macht die Figuren auf der Bühne klein im Gewölk der Licht- und Schattenspiele. Die spannende Handlung, Betrug, Raub, Mord, verblasst, weil keine Personenführung zu entdecken ist. Nur die Tänzer räkeln sich choreografisch.

Da steht nun Wotan, der Gott, und würde kaum wahrgenommen, hätte er nicht die Stimme von René Pape. Die Frage, warum Barenboim sich Guy Cassiers’ Arrangement anheimgibt mit der ganzen Kostbarkeit seiner Staatskapelle, ist wohl nur mit einem Beziehungsgeflecht zu beantworten. Ein feines Wunder, was Wolfgang Ablinger-Sperrhacke aus der Mini-Rolle des Mime macht: das Porträt eines Geknechteten, der sich sorgloser Zeit erinnert. Stephan Rügamers Loge, Iain Paterson als Fasolt, Marco Jentzsch als Froh: Leistungen aus eigener Prägung. Nicht zuletzt bewegend und weiterweisend: Johannes Martin Kränzle mit Alberichs Fluch (Fortsetzung am heutigen Sonntag mit „Walküre“, 15 Uhr). Sybill Mahlke

MUSICAL

Gierig: Die Sophiensaele zeigen

„One Day More/ Extravaganza“

Was Musicals und Finanzmärkte gemein haben? Erstere entstanden in den achtziger Jahren, einer Epoche, in der auch letztere zu neuer, grotesker Größe auswuchsen. Das Geld raffen beide. Kann doch kein Zufall sein, denkt sich Regisseur Johannes Müller und kleidet seine Kritik an der immer hemmungsloser und gieriger agierenden Hedgefonds-Managerkaste ausgerechnet in die Form eines Musicals. In „One Day More/Extravaganza“ in den Sophiensaelen (wieder 1., 3. und 4. April, 20 Uhr) lässt er einen jungen, unsympathischen Investmentbanker (Sebastian Straub) vor die Hunde gehen und parallelisiert die Handlung mit Fragmenten aus „Les Misérables“ – ein Musical, das typisch ist für sein Genre insofern, als es Elend verkitscht und ästhetisiert, um daraus Kapital zu schlagen.

Da der Abend aber nur der Auftakt ist für eine „Endzeit“-Trilogie, ist hier nichts mehr extravagant, vielmehr sind die Mittel aufs Äußerste reduziert. Die Bühne: leer bis auf einen Scheinwerferturm. Musik wird digital zugespielt. Das darstellerische Niveau ist offenbar gewollt niedrig. Straub behauptet den Unsympathen mehr, als dass er ihn verkörpert. Ein musicaltypischer Mikroport rückt seine Figur in weite Ferne, zusätzlich verdoppelt er alle seine Handlungen, indem er berichtet, dass er handelt („Ich binde mir die Sneakers zu“). Seine Fähigkeiten als Sänger sind gruselig, die des Laienchors „The Melodetts“ unwesentlich besser. All das verfehlt seine Wirkung nicht. Hier zerlegt sich eine Kunstform, sprengt sich von innen her auf. Würde tatsächlich richtig gesungen, wäre das affirmativ. Udo Badelt

FOTOGRAFIE

Israels Gedächtnis: Bilder von Rudi Weissenstein im Centrum Judaicum

Statt Milch und Honig erwarten Rudi Weissenstein Gestrüpp und kahle Berge, als er 1936 Haifa erreicht. Der 26-Jährige zieht mit einer Kamera im Gepäck aus seiner Heimat Iglau (heute Tschechien) los, um wie so viele andere jüdische Europäer ein neues Leben im heiligen Land zu beginnen. Als Fotojournalist berichtete Weissenstein (1910 - 1992) unter anderem für die Jüdische Rundschau in Berlin über den Aufbau Israels.

Als Ben Gurion im Mai 1948 die Unabhängigkeit Israels verkündet, ist Weissenstein als einziger Fotograf zugelassen. Beeindruckend sind seine Aufnahmen vom völlig überlaufenen Rothschild Boulevard in Tel Aviv und all den hoffnungsvollen Gesichtern. Mit einem großformatigen Druck dieser Szenerie beginnt die Ausstellung „Ihr glücklichen Augen“ im Centrum Judaicum (Oranienburger Str. 28-30, bis 24. Juni, So-Mo 10-20 Uhr, Di-Do 10-18 Uhr, Fr 10-17 Uhr). „Es ist ein sensibler Blick, aber kein sentimentaler,“ fasst Chana Schütz vom Kuratorenteam die Besonderheit der Bilder treffend zusammen. Sie zeigen die Ankunft von Flüchtlingen, verkleidete Kinder an der Küste, Siedler im Kibbuz oder das Israel Philharmonic Orchestra. Ein Archiv für seine Bilder hat Weissenstein 1940 selbst gegründet: Im Tel Aviv lagern über eine Million Negative, die zwischen 1936 und 1960 entstanden. Sie sind so etwas wie das visuelle Gedächtnis Israels, von dem nun auch ein Teil in Berlin zu bestaunen ist. Katrin Gottschalk

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