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KLASSIK

Magisch: Khatia Buniatishvili mit dem Deutschen Symphonie-Orchester

So könnte die Dramaturgie eines attraktiven Konzertes aussehen: Eine nachdenkliche Initialzündung, romantische Traumwelten, und ein neu zu eroberndes Stück weitet den Blick in die Werkstatt eines Giganten. Obendrein wird das Paket von zwei vielversprechenden, strahlenden Künstlern mit einem überaus wandlungsfähigen Orchester dargeboten. Und in den ersten Minuten hat es tatsächlich den Anschein, als sei man hier in einen außergewöhnlichen Abend geraten. Eivind Gullberg Jensen lässt das Deutsche Symphonie-Orchester (DSO) verschwinden, fast zumindest. Nur vier Flötisten sitzen in einem Lichtkegel, von oben dringen die Fragen einer Trompete. Die Streicher aber, die das Firmament liefern, unter dem Charles Ives „The Unanswered Question“ stellt, sind in den Bauch der Philharmonie entrückt, von wo sie nur zart heraufglimmen. Hell leuchtet dagegen der elektronische Hinweis, dass Ton- und Filmaufnahmen verboten seien – über einer Szene, auf der fast nichts zu sehen und nur sehr wenig zu hören ist. Das hat fast schon etwas von Marthalers magischem Musiktheater.

Es währt nur sechs Minuten – und hätte länger dauern dürfen. Denn das vollständig ins Scheinwerferlicht getretene Deutsche Symphonie-Orchester verbindet Gullberg Jensen so lose mit dem Geschehen in Chopins erstem Klavierkonzert, dass es als Kommentar aus der Ferne wohl den größeren Eindruck hinterlassen hätte. Alle formgebende Arbeit liegt damit in den Händen von Khatia Buniatishvili, der 25 Jahre alten Georgierin, die ein steigender Stern am Klavierhimmel ist. Buniatishvili besitzt die wunderbare Fähigkeit, tausendfach gehörte Wendungen gänzlich neu klingen zu lassen, wie gerade gefunden, improvisiert. Alles, was Konturen besaß, löst sich auf unter ihren Fingern, strömt davon – ohne jedes Nachleben.

Nach nur einer Chopin-Zugabe ist buchstäblich nichts mehr da, was sie noch hätte sagen können. Und dann entschwindet auch Khatia Buniatishvilis spektakuläre Rückenansicht mit tief ausgeschnittenem Abendkleid. Gullberg Jensen federt unterdessen durch „Manyworlds“, ein aktuelles Werk seines norwegischen Landmanns Rolf Wallin, das in seiner Mittelmäßigkeit sogar manche Musiker zum Augenrollen animiert. In Mahlers abschließender „Todtenfeier“ zucken eher die Extremitäten des Dirigenten denn die Nervenenden. Ulrich Amling

JAZZ

Widerständig: Der Posaunist

Ray Anderson im Institut Français

Bei seiner Konzertansage für die Pocket Brass Band hält Veranstalter und Labelchef Ulli Blobel stolz die Trophäe in der Hand, die seine Jazzwerkstatt für die Gestaltung ihrer CDs erhalten hat: „Ausgezeichnet mit dem German Design Award 2012.“ Schon mit dem ersten Stück wird deutlich, dass dieser Abend auch musikalisch ein besonderer wird. Der Posaunist Ray Anderson hat für seine Pocket Brass Band neue Musik geschrieben und stellt sie in Berlin vor. Mit dabei: der Schlagzeuger Eric McPherson, der Trompeter Lew Soloff und Matt Perrine am Sousaphon, jenem der Kontrabasstuba verwandten Blasinstrument mit gigantischem nach vorn gerichteten Schalltrichter.

Was zunächst nach Marching Band und New Orleans ausschaut, hat Ray Anderson in der 20jährigen Geschichte seiner Truppe mit einer Mischung aus Motown und Avantgarde, James Brown und Hardbop, Blues und Congo Square zu seinem ganz eigenen Kunstwerk verwoben. Beeindruckend ist die Soloarbeit von Anderson, der nun nach sehr schwerer Krankheit und diversen Schicksalsschlägen vorführt, dass er immer noch zu den Besten an seinem Instrument gehört. Er weiß, dass jedes Konzert sein letztes sein könnte, das hat er in den letzten Jahren gelernt. Deshalb diese ungeheure Kraft und Lust, dieser tiefe Fluss des Unbändigen und Widerständigen, und wie er es später im Gespräch hinter der Bühne formuliert: „Präsenz“. Sein neues Album „Sweet Chicago Suite“ enthält auch das autobiografisch inspirierte Hauptwerk des Abends: ein großes zirkular geatmetes Solo, melodiöse Feinheiten, wirksame Grooves und kollektive Improvisationen, die Jesse Jackson und die Proteste gegen den Vietnamkrieg feiern.Christian Broecking

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