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KLASSIK

Hitzig: Bachs Matthäuspassion

in der Gethsemanekirche

Längst scheinen Passionsmusiken zum Ersatz für Karfreitagsandachten geworden zu sein. In der Gethsemanekirche jedenfalls herrscht allergrößter Andrang, als die Sing-Akademie und der Staats- und Domchor unter Kai-Uwe Jirka am Karfreitag Bachs Matthäuspassion aufführen. Ein buchstäblich historisches Ereignis, denn man musiziert die straffe und kürzere, 1829 von Felix Mendelssohn Bartholdy für Berlin eingerichtete Version, mit der das seinerzeit gewissermaßen verschollene Werk für die Nachwelt wiederentdeckt wurde.

Mit dem Verzicht auf einige Choräle und Arien aber, darunter die Sopranarie „Aus Liebe will mein Heiland sterben“, die als Essenz dieser Passion gelten darf, entfällt das bußfertige Gegengewicht zu der heftigen Erregung der Chorsätze, und aus dem pietistisch geprägten, stets auf die Beziehung des frommen Ich zu „seinem“ Jesus gerichteten Werk wird ein Passionsdrama, das nun auch die Wände der Gethsemanekirche erschüttert.

Tempo, Tempo: Kai-Uwe Jirka entscheidet sich von Anfang an für eine hitzige Gangart. In der als zwei symmetrische Ensembles platzierten Symphonischen Compagney Berlin klappert es dann manchmal ein wenig, bis Jirkas Gesten übernommen sind. Die Chöre aber sind ihm ganz zu Willen. Fast mehr noch als seine eigene Sing-Akademie (Einstudierung: Christian Lindhorst) fallen die Knaben und Männer des Staats- und Domchores auf, die Frank Markowitsch vorbereitet hat, nicht nur dort, wo sie als geifernder Mob präsent werden, sondern auch in der Bedächtigkeit des „Wenn ich einmal soll scheiden“. Die sehr junge, sehr gute Solistenriege lässt sich nicht immer auf ähnliche Weise treiben. Während Benjamin Bruns als hell timbrierter Evangelist notwendigerweise mitfiebern muss, bleiben Julia Giebel und Vanessa Barkowski wohltuend cool, und auch Ipca Ramanovic mit seinem überaus klar geführten Bass lässt sich nicht am Zeug flicken. Aber er singt schließlich auch den Jesus. Christiane Tewinkel

JAZZ

Energisch: Ulrich Gumpert

und seine Gruppe im Aufsturz

Das Trio des 67-jährigen Pianisten Ulrich Gumpert, erweitert um den Schweizer Saxofonisten Jürg Wickihalder, mag unter dem Motto „Vom alten Lager“ auftreten. Alt ist aber vor allem das Material, mit dem sich der Ost-Berliner Free-Jazz-Pionier im Aufsturz präsentiert: Es reicht zurück bis in die Zeit der 1973 gegründeten Band Synopsis, dem Vorläufer des legendären Zentralquartetts. Ewig jung aber ist Gumperts Improvisationslust, und immer noch jung sind seine Mitmusiker, der Bassist Jan Roder und Schlagzeuger Michael Griener, der als Drummer mit Themroc 3 schon den ersten Teil vom Jazzkeller 69 bestritten hat. Beide sind Jahrgang 1968. Zu Beginn gibt es „Conference at Baby’s“, dem Freund und Perkussionswunder Günter „Baby“ Sommer gewidmet: Gerade ist von den beiden die großartige Duo-CD „La Paloma“ (Intakt Records/Harmonia Mundi) erschienen. Bei den „Konferenzen“ ging es damals hoch her. Man soff, redete, stritt auch und genoss die Freiheit der Musik – als Ausgleich zur Enge der DDR. Das Thema „Vom alten Lager“ spielen bei Gumpert Klavier und Saxofon im Unisono: Was er einst bei Ornette Coleman und Don Cherry hörte, hat er in sein musikalisches Konzept übertragen.

Die Komposition „Blue Circus“ entwirft im Auf und Ab eines Blues, wo Gumpert wohnt: nämlich Am Zirkus gegenüber dem Berliner Ensemble. Griener spielt mit Gumpert schon seit fünfzehn Jahren, lange Zeit hauptsächlich Stücke von Ornette Coleman. Er empfahl auch Roder. Der Programmablauf folgt der Gumpert-CD „Quartette“ (Intakt Records) aus dem Jahr 2007. Der 1973 geborene Sopran- und Tenorsaxofonist Jürg Wickihalder bereichert die Band mit neuen Ideen und einer großen Wärme und Intensität im Ton. „Neues aus Teutschen Landen“ stellt Gumperts Quartett am heutigen Ostersonntag im Aufsturz (Oranienburger Str. 67, 20 Uhr) vor – wiederum eingeleitet von Themroc 3, zu denen sich diesmal der Saxofonist Philipp Gropper gesellt. Christian Broecking

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