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REVUE

Kodderschnauze: „Zwei Krawatten“ im Heimathafen Neukölln

Es war das Stück, in dem Marlene Dietrich für den „Blauen Engel“ entdeckt wurde, und es stammt vom seinerzeit meistaufgeführten Bühnenautor Deutschlands. Gründe genug für den Heimathafen Neukölln, die 1929 uraufgeführte Revue „Zwei Krawatten“ (wieder 14., 15.4., 20 Uhr) von Georg Kaiser und Mischa Spoliansky auszugraben. Wobei der Cast unter Regisseur Andreas Merz sowie die Showband The Incredible Herrengedeck gekonnt zwischen historischer Rekonstruktion und gegenwärtigen Referenzen balancieren. Denn die Klamotte um den armen Kellner Jean, der eine reiche Dosenfleischbaronin nach Amerika begleitet und darüber sein treues Berliner Kodderschnäuzchen Trude vergisst, ist trotz der unverbrauchten Kapitalismuskritik ein typisches Singspiel der Weimarer Republik.

Eine Handvoll gemalter Kulissen tragen der originalen Ausstattungsopulenz Rechnung, zu der die bejahrte Stepptanzgruppe Berliner Spätelese einen selbstironischen Kontrapunkt setzt. Entscheidend für das Gelingen sind aber die schauspielerischen Kabinettstückchen der Sängerdarsteller. Funny Rose trifft als Trude den Ton der echten Berliner Pflanze so authentisch, als würde dieser Slang noch heute auf der Straße gesprochen, während Bärbel Bolle sich Marlene Dietrichs Rolle der Büchsenfleischmagnatin mit umwerfender phlegmatischer Komik aneignet. Alexander Ebeert genügt als Anwalt Bannermann bereits das Leiden unter einem zu festen Händedruck, um zu glänzen. Und wenn Kontrabassist Robert Rating schläfrig zupfend und berlinernd einen Lexikoneintrag zu Mischa Spoliansky zitiert, dann ist auch die letzte historische Distanz mit Chuzpe überwunden. Carsten Niemann

POP

Herzenssache: Drake

in der Max-Schmeling-Halle

Die Frauen in den ersten Reihen kreischen Liebesschwüre und werfen Kusshände. Der kanadische Rapper und R’n’B-Sänger Drake steht auf der Bühne der Max-Schmeling-Halle, das schwarze Hemd bis zur Brust aufgeknöpft, die Locken sorgfältig frisiert, die weißen Sneakers frisch aus dem Karton. Mit Schmachtblick besingt der 25-Jährige eine zerbrochene Beziehung.

Aubrey Drake Graham steht für eine neue Spezies von Rap-Musikern. Er trennt nicht mehr zwischen R&B und Hip-Hop, er singt herzzerreißend mit dem eigentlich totgerittenen Auto-Tune-Effekt und rappt mit der Ignoranz selbstgewisser Südstaaten-Hip-Hopper. Seine beiden Alben „Thank me later“ und „Take Care“ landeten in den US-Charts auf Platz eins und verkauften sich fast vier Millionen Mal. In Deutschland lief es deutlich schlechter, aber der Hype im Internet war groß genug, um 6000 Menschen in die Halle zu locken. Drakes Songs klingen im einen Moment wie Achtziger-Kitsch-Pop und im nächsten wie stumpfe Autoscooter-Angebereien. Trotz seines Charismas ist die Schmeling-Halle allerdings eine Nummer zu groß für Drake. Die sechsköpfige Band spielt souverän, die Lichtshow ist beeindruckend, aber der Sound schlecht abgemischt. Zudem wirken Drakes R’n’B- Arien auf einer Länge von 80 Minuten einfach zu schwach auf der Brust. Es ist Musik, die bei einem Glas Cognac am Kamin oder im tiefergelegten Cabrio besser funktioniert als in einer Arena. Irgendwann hat man bei all der Besinnlichkeit vergessen, welche Verflossene der Sänger nun wieder betrauert. Sebastian Schneider

KAMMEROPER

Transitträume: „Europe mon amour“ in der Neuköllner Oper

Für jeden Touristen ist das Rauschen des Meeres eine Art Entspannungsgeräusch – ideal zum Yoga am marokkanischen Strand oder beim Schnorcheln in Tunesien. Die junge Huriya (Atina Tabiei Razligh) aus Lagos sieht die Sache anders: Sie hört das Meer und vernimmt zugleich die Stimme der Freiheit und des Todes. Sie will, wie ihr Freund Romeo (Gerald Michel), das Wasser auf einem Schlepper überqueren, um nach Lampedusa zu kommen. Die Reise kann in ein besseres Leben führen, aber auch in den tödlichen Fluten enden. So erleben es afrikanische Flüchtlinge Tag für Tag.

In der kleinen Nummernoper „Europe mon amour“ (wieder 15., 18./19., 25., 29. 4., 20 Uhr) zeigen die Darsteller viel Körpereinsatz, um die Melange aus Ängsten und Hoffnung auf die Studiobühne der Neuköllner Oper zu bringen. In den gefühlvollen Songs geht es weniger um eine stringente Handlung als um die Träume und Sehnsüchte der Flüchtlinge, sobald das verheißungsvolle Wort Europa fällt: Sie wünschen sich Reichtum, Sicherheit, ein geregeltes Leben. Begleitet werden die beiden Sänger von Denis Stilke am Schlagzeug, Mesut Lekesiz am Saxofon und einem enorm flinken Hub Hildenbrand an der Gitarre, der die arabisch angehauchten Stücke komponiert und zum Text von Regisseur Daniel Pfluger arrangiert hat. Besonders die Iranerin Razligh weiß mit gewaltiger Stimmkraft zu offenbaren, wie sich die Verzweiflung der Gestrandeten anfühlt. Tomasz Kurianowicz

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