KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

KLASSIK

Doppelt gemoppelt: „Boulangerie“

mit Johannes Maria Staudt

Wie aus einem Synonymwörterbuch klingen die Vortragsanweisungen für die zehn Klaviertriominiaturen, die der österreichische Komponist Johannes Maria Staudt dem Musikverleger Bálint András Varga gewidmet hat. Über einer dieser Miniaturen steht „zart und verinnerlicht“, über einer anderen „entfesselt und hemmungslos“, einer weiteren „pulsierend und geschmeidig“.

Die Damen des Boulanger Trio spielen das gut zwanzigminütige Werk, das die Extreme zwischen empfindsam ausgestreutem Klangstaub und ärgstem Ächzen und Toben behende abschreitet, anlässlich der ersten Ausgabe ihrer Konzertgesprächsreihe „Boulangerie“ im Radialsystem. Und unterhalten sich danach mit dem Komponisten selbst: Staudt konzediert, dass es schwierig sei, für diese Formation zu schreiben, weil es gelte, das Verhältnis zwischen dem übermächtigen Klavier und den Solostimmen von Geige und Violoncello auszutarieren. Die Miniatur sei für ihn ein „kohärentes und zwingendes Korsett“, den Verweis auf die Nähe zu Bartók, die etwa aus Stücken wie der sechsten Miniatur klingt („wild und überakzentuiert“), nimmt er „mal positiv hin, Bartók ist natürlich ein Komponist, der mich sehr begeistert“.

Ein freundliches Gespräch, das ohne Umschweife zu Schuberts Es-Dur Trio aus dem Todesjahr 1828 überleitet. Staudt sagt, dass ein „überzeugenderes Stück für Klaviertrio nie geschrieben worden“ sei, Karla Haltenwanger, Birgit Erz und Ilona Kindt nennen es „unser Lieblingsstück“ – und spielen es dann wie auf glühenden Kohlen, mit gewaltigen Crescendi zumal im Andante und einer staunen machenden Spannung, selbst über die zahlreichen Eingänge in immer neue Formteile hinweg, die Schubert dem Stück eingeschrieben hat. Christiane Tewinkel

ROCK

Einfach gestrickt: Dan Mangan

mit Band im Lido

Nett, nett, sehr nett, dieser Typ. Mit dunklen Locken, kurzem Bart – und Augen so tiefblau wie ein Gebirgssee. Der kanadische Singer/Songwriter Dan Mangan muss gar nicht viel tun, damit ihm die Herzen der überwiegend weiblichen Fans im proppevollen Lido zufliegen. Keine Show, kein Gehampel, kein Gerümpel. Nur dastehen und singen mit seiner Band, zur Akustikgitarre. Melancholische Lieder mit tieftrauriger Kratzestimme. Originelle Titel wie „About As Helpful As You Can Be Without Being Any Help At All“. Ein hübscher Rumpelwalzer. Und ein netter Querschnitt aus den beiden „Nice Nice Very Nice“ (2010) und „Oh, Fortune“ (2011), die ungefähr so gut sind, wie etwas gut sein kann, ohne dabei aber richtig gut zu sein.

Vielleicht, weil doch alles zu gleichförmig nett ist? Weil man mehr an David Gray erinnert wird und den leierig jammerigen Morrisey als an Mangans erklärte Inspiratoren, die Beatles und Nick Drake? Im Konzert ist der Sound gröber als auf Platte, eher knarziger Rock als gefälliger Popfolk. Auf der Bühne steht der 28-jährige Mangan inmitten einer kunstvoll lärmenden Truppe: Deren Mitglieder sehen zwar aus wie eine bärtig-zauselige Hippiekommune, die soeben dem Bett entstiegen scheint, fabrizieren aber mit knalligem Schlagzeug, bissigem Bass, kreischender Gitarre und halliger Trompete einen so dichten Klang, dass Mangans kräftiger Bariton fast eintönig modulationsarm wirkt. Egal, alle haben Spaß und alle singen mit, fröhlich, feierlich und gemeinschaftsstiftend wie bei einer Taizé-Andacht. Und Dan Mangan mittendrin im Gedränge zwischen den Fans. Nett, nett, sehr nett. H.P. Daniels

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