KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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Foto: Christian Brachwitz
Foto: Christian Brachwitz

KLASSIK

Masse & Euphorie: der Rundfunkchor Berlin und sein Mitsingkonzert

Irgendetwas war anders am Sonntagnachmittag in der Philharmonie. Ein bisschen wirkte es wie vor einer Schulaufführung: Quer über die Blöcke hinweg winkten sich Damen und Herren im reiferen Alter zu, Stimmengewirr, es herrschte Aufregung. Simon Halsey hatte zum zehnten Mitsingkonzert seines Rundfunkchores geladen, 1275 Sänger füllten die Blöcke E bis K sowie A komplett aus. Im Rest des Saals: befreundete, verwandte oder einfach begeisterte Zuhörer.

Die Idee, sangesfreudige Laien aus allen Himmelsrichtungen zum gemeinsamen Singen mit den Rundfunkprofis zusammenzubringen, ist seit einer Dekade nicht nur ein großartiger PR-Erfolg des Chores, der sich so eines treuen Publikums für seine anderen Konzerte versichert. Simon Halsey ist vielleicht einer der wenigen, denen man die integrative Kraft solch eines Happenings auch zutraut – weil ihm diese Art von künstlerisch praktizierter Völkerverständigung über die Bühnenrampe hinweg wirklich wichtig ist.

Mag Haydns „Nelsonmesse“ auch den dröhnenden Gesang aus fast 1400 Kehlen nicht vertragen, um eine authentische Aufführung ging es hier schon wegen der üppigen Streicherbesetzung des Rundfunk-Sinfonieorchesters nicht, dem auch noch die Nachwuchskräfte der Deutschen Streicherphilharmonie zur Seite gestellt waren. Vielmehr war Simon Halseys gigantomanisches Projekt wieder einmal der Beweis dafür, wie erstaunlich die Ergebnisse einer Probenarbeit sein können, wenn man, wie der bundesverdienstkreuzgeschmückte Chorchef, in der Lage ist, leistungsgrenzenübergreifend Begeisterung zu entfachen. Die Dreingabe zum Jubiläum besorgte eine teilweise Uraufführung der „Lieder der Unsterblichkeit“ des ewigen Chorpopstars Eric Whitacre. Der stieg dafür selbst aufs Pult und erzählte dazu die Geschichte seines leidenden Vaters. Angesichts der Konzertidee blieb sein Werk aber bloße Randglosse: äußerlich und von überschaubarem Neuigkeitswert.Christian Schmidt

THEATER

Geld & Glück: „Kleider machen Leute“ im Theater an der Parkaue

„Ich hab die ersten 2 Zeilen des Buches gelesen und dann gegen die Wand geschmissen. Ich HASSE es. Es sollte als Schullektüre verboten werden“, erregt sich der Schüler mit dem Kürzel xd im Blog über die berühmte Novelle. Der User hadei hält dagegen: „sehr schade das der Autor nicht mer lebt er hette sicher noch sehr gute gschichten geschrieben.“ Mal abgesehen von Orthografie, stimmt das doch hoffnungsvoll. Eine Handvoll Fans hat Gottfried Kellers „Kleider machen Leute“ noch in Nachwuchskreisen.

Hariet und Peter Meining, die Kreativköpfe der Gruppe norton.commander.productions, haben nicht nur diese munteren Stimmen aus dem Schülerforum gefischt. Sondern auch den umstrittenen Lehrstoff im jungen Staatstheater an der Parkaue auf die Bühne gebracht. Und zwar in jeder Hinsicht fulminant (wieder 23.4., 11 u. 18 Uhr sowie 24.4., 11 Uhr). Allein ästhetisch sind die Träger des George-Tabori-Preises schon Ausnahmetalente. Aus der Geschichte des mittellosen Schneiders Wenzel Strapinski, der wegen seines feinen Mantels für einen Grafen gehalten wird und den Irrtum auch nicht aufklärt, zaubern sie eine Live-Video-Performance im schräg-schönen Burlesque-Look. Da sausen exzentrisch kostümierte Schauspieler im Pappmaché-Auto über die Leinwand. Oder ein Schneidergesellen-Chor lässt die Riesenscheren schnappen.

Der tolle kurdischstämmige Performer Namosh ringt dazu auf der Bühne mit seiner falschen Identität und um die Gunst des schönen und anspruchsvollen Nettchens (Corinna Mühle). Gern auch mit Gesang. Denn die beherzt verdichtete Keller-Erzählung wird bei norton.commander zum Musical. Zur Money-Horror-Picture- Show, befeuert von Elektrobeats. Dass dabei auch die leicht behäbige Moral der Vorlage aufgefrischt wird, versteht sich fast von selbst. Statt Dresscode-Fragen unter Jugendlichen zu bemühen, oder über gesellschaftliche Sehnsüchte nach Aufschneidern zu sinnieren, kontern norton.commander mit Sarkasmus. Der Frage nämlich, ob nicht Geld am Ende doch glücklich macht. So steht's nämlich bei Keller. Und so macht Schullektüre Spaß. Patrick Wildermann

KLASSIK

Raum & Zeit: Sakari Oramo

mit dem DSO in der Philharmonie

Seltene Klänge in der Philharmonie: Die finnische Koloratursopranistin Anu Komsi singt Karol Szymanowkskis „Lieder der Märchenprinzessin“ von 1915, und wie Komsi dies tut, wie sie die nachtigallengleichen Schleifer und Triller in allerhöchsten Höhen schlägt, die der Komponist den vielen „Ah!“-Seufzern dieser sechs Lieder auf Texte seiner jüngeren Schwester Zofia unterlegt hat, das ist schon phänomenal. Fast zirkushaft in der Angewiesenheit auf unphysiologisch flexible Stimmbänder. Im Orchester klingen dazu irisierende Flächenklänge, in der letzten Nummer eine verfremdete Jubel- und Marschmusik, zu der Komsi am Ende eine Drehung vollführen wird, „Ah, der Liebste mein tanzet so freudig im Wiesengrün! Ah!“

Tatsächlich steht ihr Liebster gleich neben ihr. Es ist ihr Ehemann, der finnische Dirigent Sakari Oramo, künstlerischer Leiter der Stockholmer Philharmoniker und designierter Chefdirigent des BBC Symphony Orchestra ab übernächster Saison. Von Haus aus Geiger, ist Oramo ein Dirigent ohne Allüren, der dem DSO schon in Debussys „Nachmittag eines Fauns“ extra viel Raum und Zeit gibt, zumal Gergely Bodoky, der die ersten, wunderbaren Flötentöne dieser Musik in aller gebotenen Entspanntheit zelebriert.

Oramos freundliche, mitunter sogar betuliche Art mit dem Orchester kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass er insbesondere die rhythmischen Signale präzise zu setzen weiß, zu beobachten vor allem in dem eigentümlichen Miteinander aus Leichtigkeit und Aggressivität, das Prokofjews sechste Symphonie durchzieht. Christiane Tewinkel

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