KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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VARIETÉ

Tanz der Illusionen: die Einmannshow „Leo“ im Chamäleon

Konzentriert, verblüffend, witzig, schlau. Das wäre eine Kurzkritik, die der raffinierten Einfachheit der neuen Show „Leo“ im Chamäleon entspricht. Doch weil die einstündige Ein-Mann-Show (Hackesche Höfe, bis August immer montags 20 Uhr) gar nicht so leicht zu beschreiben ist, müssen es ein paar Worte mehr sein. Die Versuchsanordnung auf der in tiefes Schwarz getauchten Bühne sieht so aus: rechts eine Box mit blauem Boden, roter Seiten- und schwarzer Hinterwand – die Vorderseite ist offen. Links eine hohe Leinwand, auf die das Innere der Box projiziert wird, quasi die Verdoppelung des Guckkastens. Der eigentlich lächerlich einfache, aber erstaunlich gut zündende Witz dabei: die Projektion ist um 90 Grad geneigt. Was in der wirklichen Box Boden ist, ist in der projizierten Wand. Auf dieser Täuschung, der man sehenden Auges verfällt, fußt der nur mit einem Koffer ausgestattete Kampf eines Mannes gegen die Schwerkraft. Den Leo in der Box, der notorisch quer im Raum steht, hängt, schwebt, der rechter Hand Akrobat und linker Hand Illusionist ist, spielt Tobias Wegner. Unterteilt ist Leos stumme Durchmessung des Raumes in vier Akte, wobei nicht die beiden dynamischen, lauten, in geturnter Tanz- und getanzter Turnchoreografie gehaltenen Szenen besonders überzeugen, sondern zwei stille Miniaturen. Leos mit Ganzkörpereinsatz durchgeführtes Ertasten des Kastens und sein zauberhafter Versuch, den Knast mit Tafelkreide aus seinem Koffer wohnlich einzurichten. Ein paar Zeichenstriche an der Hinterwand, schon steht ein Stuhl in der Box, ein Tisch, ein Regal, darauf ein Goldfischglas. Die Illusion übernimmt im Handstreich die Realität. Gunda Bartels

KUNST

Krieg der Farben: Gemälde von Annemirl Bauer im Bundestag

Im Osten als politische Künstlerin von der Stasi observiert, im Westen lange unbekannt, wird die Ostberliner Malerin Annemirl Bauer jetzt ins öffentliche Bewusstsein zurückgebracht. Das „Mauer-Mahnmal“, ein Ausstellungsort des Bundestags (Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, Schiffbauerdamm, bis 30. 6. Di–So, 11–17 Uhr), zeigt eine Auswahl ihrer Gemälde. Unbeugsam, immer politisch, nie neutral: Bauers Bilder, sei es auf Leinwand oder Glasplatten, strotzen vor Kraft. Ihre schrillen, bunten Farben sind das genaue Gegenteil des Sozialistischen Realismus. Hier vermischt sich Neongrün mit grellem Gelb, Hellrot mit Kobaltblau. Über ihr „Triptichon“, das innen einen Querschnitt Berlins, außen eine durchs Aufklappen der Leinwände auseinandergerissene Familie zeigt, notiert sie im Tagebuch: „Der Himmel über Berlin ist nicht teilbar.“ Bauer schreibt Bürgereingaben, gegen die Zwangsräumung ihres Ateliers, gegen fehlende Reisefreiheit. Einige dieser Briefe hängen neben Fotos, Zeichnungen und Collagen. Die Malerin stirbt kurz vor dem Mauerfall an einem Krebsleiden. Von ihrer Arbeit hätte man gerne mehr gesehen. Die sechs ausgestellten Bilder sind eine eher enttäuschende Anzahl bei einer Frau, die über 16 000 gemalt hat. Annika Brockschmidt

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