KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

H. P. Daniels

POP

Echter Schweiß:

Charlie Winston im Postbahnhof

2006 entdeckte Peter Gabriel den englischen Musiker Charlie Winston und nahm ihn für sein Label „Real World“ unter Vertrag. Mit dem netten adretten Pop seines zweiten Albums „Like A Hobo“ (2009) feierte Winston Erfolge in Frankreich, dann auch in den Nachbarländern. Allerdings schlug einem bei ihm auch eine merkwürdige Künstlichkeit entgegen. Ein Bild von einem modernen Bohemien, der wie verkleidet wirkte, wie ausstaffiert vom Kostümbildner einer Seifenoper: genau berechnet, wie schief das angefressene Fedora-Hütchen zu sitzen habe, mit welcher Sorgfalt die Haare in Unordnung zu bringen wären, wie dunkel der Bartschatten sein müsste, wie tief der schräge Schlips zu hängen hätte. Passte die sterile Penner-Maskerade wirklich zu Winstons Musik?

Mit dem neuen Album „Running Still“ hat sich der 34-Jährige vom Hobo- Image verabschiedet und wirkt jetzt auf Promo-Bildern eher wie Kumpel Springsteen. Im Postbahnhof rockt er dann auch mächtig los. Umgeben von den rohen Klängen einer blendend aufeinander eingestimmten Band. Kreischende Mundharmonika, ein Keyboarder, der aussieht wie Ozzy Osborne, der Bassist behaart wie Noel Redding von der Hendrix-Experience, hippiehaarig der Drummer, und dazwischen im Designerfräckchen mit rosa Knautschkrawatte, Duesenberg-Gitarre und Ketten vorm Latz: Charlie Winston. Hart riffend, zart pfeifend und shoutend. Reggae-Pop mit Anleihen bei Police und der alten New Wave, bei Beethovens Mondscheinsonate, Mike Oldfields „Tubular Bells“, bei Sting und Steve Winwood. Auch eine lustige Version von Grönemeyers „Männer“ hat er im Programm. Dann nimmt er ein ausgiebiges Bad in der Menge. Berauschte Begeisterung. Die Schweißtropfen sind wirklich echt. H. P. Daniels

KLASSIK

Heiliger Franz:

Die Singakademie im Konzerthaus

Wie sehr doch ein kleiner; mittelalterlicher Mönch, der allem irdischen Gut entsagt, inspirieren kann: Messiaen hat er zu der Oper „Saint François d’Assise“ bewegt, Namensvetter Liszt zur Klavierkomposition „Der heilige Franz von Assisi, den Vögeln predigend“. Auch Hermann Suter machte 1923 den Sonnengesang des heiligen Franz zur Grundlage seines Opus Magnum „Le Laudi di San Francesco d’Assisi“. Ein rares Werk so gigantisch besetzt, dass Berliner und Suhler Singakademie, Kinderchor Mozartini plus Konzerthausorchester und Solisten kaum auf eine Bühne passen. Kein Wunder, wenn der Zuschauerraum dagegen schwach besetzt wirkt.

Umso größer die Begeisterung für das chorsymphonische Werk aus der Feder des wenig bekannten Schweizer Komponisten, dessen klangfarblich differenzierter Umgang mit dem spätromantischen Orchesterapparat Reminiszenzen an Brahms, Mendelssohn, Verdi und Strauss durchmischt. Wie aus dem Nichts eröffnet Stephan Rügamers wunderschöner Tenor das Werk, während sich Leichtigkeit und Wärme in den Stimmen von Martina Welschenbach und Katharina Kammerloher ideal ergänzen. Homogen und gewaltig wie ein Lavastrom bewegt sich unter der Leitung von Achim Zimmermann der Chorklang, wenn er in der zentralen Passacaglia Kraft und Glanz des Feuers besingt. Dem Lob des Todes verleiht die Unschuld der zarten Kinderstimmen eine magische Aura, die Roman Trekels Bariton mit Pathos tröstend kontrastiert. Wenn Suter den Zeitströmungen auch hinterherhinkte, so verfehlt doch der überzeugte Eklektizismus auch heute seine überwältigende Wirkung nicht. Barbara Eckle

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