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POP

Traumhaft: Laura Gibson

im Grünen Salon

Mächtig heiß ist es im Grünen Salon der Volksbühne beim Auftritt der Singer/Songwriterin Laura Gibson. Doch nicht von der Musik kommt die Hitze, nicht von der Band. Denn still und zurückhaltend sind die melancholischen Lieder der jungen Frau aus Portland/Oregon, die mit flüsterleiser und doch fester, sicherer Stimme, in der sich Lebensbrüche und Gefühlswärme ausdrücken, eine angenehme Kühle ins schweißgedrängte Auditorium fächelt. Wobei sich ihr Timbre ein wenig anlehnt an die große, lebensgebeutelte Billie Holiday. Um Beerdigungen, Trennungen, Irritationen geht es in diesen ruhigen Folksongs, um Gefühle von Einsamkeit, und um kleine Orte im Nordwesten der USA, in denen nichts los ist. Der Titelsong des neuen Albums handelt von so einem Kaff: „La Grande“ klingt grandios, wie eine Luftspiegelung mit Calexico-Twang und Trauertrompete. Ein feiner Bossa-Nova-Groove taucht auf, ein Country-Bossa und ein schmalztoller Tanzschunkler – Langsamtanzstücke in einer Kleinstadtkaschemme nach Mitternacht. Gespielt von einer wunderbaren Combo mit leichtem Schlagwerk, Bass, Klavier/Orgel. Und Gibsons exquisit gepickter Nylonsaiten-Gitarre. Ein Song beginnt mit traumhaft mehrstimmigem A-cappella-Gesang, führt über appalachische Folkmelodien, Oboe und Mariachi-Trompete, über eine angenehme Erinnerung an Joni Mitchell bis zu einer einfühlsamen Leadbelly-Interpretation. Noch viel besser als sie auf ihren vier Alben zu hören, ist es, Laura Gibson auf der Bühne zu sehen: mit rührend verschnippelter Ponyfrisur, im hochgeschlossenen türkisen Kleidchen und einem Kragen, der sich orange-gelb wie eine Prilblume um ihren Hals legt. Schräg und straight und schön. H.P. Daniels

KLASSIK

Chamäleonartig: Xavier de Maistre im Konzerthaus

Für Claude Debussy bestand Musikalität im Grunde in nichts anderem als der Empfänglichkeit für Natureindrücke. Vielleicht daher die Affinität zu Flöte und Harfe, zwei Instrumenten, die der Wind zum Klingen bringen kann. Das Programm von Magali Mosnier (Flöte), Antoine Tamestit (Viola) und Xavier de Maistre (Harfe) überzeugt immer dort, wo die Kompositionen ganz aus den so unterschiedlichen Eigenarten der Instrumente entwickelt wurden: In den Originalwerken für die aparte Besetzung von Bax, Ibert und Debussy, allerdings auch in der ursprünglich für Klavier geschriebenen Sonatine Ravels: Die glänzende Bearbeitung von Carlos Salzedo bringt nur ans Licht, was sich an klanglicher Phantasie im Stück verbirgt. Fasziniert folgte man einer Art sinnlichen Instrumentenkunde:

Wie die Flöte im aufgerauten tieferen Register Körper und Individualität gewinnt, wie sich der Nachhall der angeschlagenen Harfensaite mit dem langsamer einschwingenden Streicherton verbindet. Im Konzert der Verschiedenheiten darf nur Tamestits ungewöhnlich hell timbrierte Bratsche manchmal Chamäleon spielen und sich mit Pizzicati der Harfe, mit Flageolette- Tönen der Flöte annähern.Die Fauré-Bearbeitungen de Maistres leuchten dagegen, obwohl schön gespielt, nicht so recht ein: Die Harfe eignet sich weder als klanglicher Fundamentgeber, noch dazu, mit dem Melodieinstrument im Duett zu „singen“. Godefroids Bravourstück für Harfe fiel, zwischen Belcanto und paganinihafter Virtuosität angesiedelt, stilistisch zwar etwas aus dem Rahmen, machte dafür aber mit de Maistres unerschöpflichem Repertoire von manuellen Techniken vertraut. Benedikt von Bernstorff

AUSSTELLUNG

Sparsam: Deutscher Minimalismus bei Daimler Contemporary

Am Anfang war das Chaos. Selbst bei den Minimalisten. Die peniblen Ordnungssysteme von Hanne Darboven entstanden aus wilden Kalkulationen und energischen Streichungen. Die exakt konzipierte Ausstellung „Minimalism in Germany. The Sixties II“ bei Daimler Contemporary zeigt Querverbindungen innerhalb eines Werkes, lässt aber auch den Einfluss der deutschen Minimalisten auf zeitgenössische Künstler sichtbar werden (Haus Huth, Alte Potsdamer Straße 5, 10785 Berlin tgl. 11-18Uhr). Von Franz Erhard Walther, der gerade späten Ruhm erfährt, sind 49 mit Nessel überzogene Hartfaserplatten zu sehen, die den hellen Erker im Haus Huth mit meditativer Ruhe füllen. Wie Ordnungshüter treten die Zahlen hier auf. Die Faltungen von Hermann Glöckner von 1967/75 nehmen die Falter von Katja Strunz vorweg. Gespenstisch wirkt Peter Roehrs Ahnung von der digitalen Zerlegung der Welt in die Signale 1 und 0. Roehr benutzt noch Lochkarten und Chiffren, um den Geist der Serie bildlich darzustellen. Kantige Aluminiumrohre von Charlotte Posenenske winden sich durch die Türstürze. Sie begründen die Liebe späterer Bildhauergenerationen für Industriematerial. Charlotte Posenenske zog sich zu Lebzeiten aus dem Kunstbetrieb zurück, weil sie sich keinen Einfluss versprach. Da hat sie sich wohl verrechnet. Simone Reber

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