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Andreas Hartmann

PUNK

Bühne statt Büro:

Doctorella im Kater Holzig

Über Musikjournalisten heißt es oft, sie seien verhinderte Musiker. Auf die in Berlin lebenden Zwillingsschwestern Kerstin und Sandra Grether trifft diese Unterstellung zu. Beide haben sich einen Namen gemacht als feministisch orientierte und streitbare Popjournalistinnen und dabei den Traum von der eigenen Band nie aus den Augen verloren. Sandra Grether hatte mit Parole Trixi bereits eine Truppe, der man nachsagt, sie sei die deutschsprachige Antwort auf die feministische Riot-Girl-Bewegung der neunziger Jahre gewesen. Da die Grether-Schwestern alles gemeinsam machen, überall zusammen auftreten und auch im Duo die Berliner Ausgabe des feministisch gemeinten „Slut-Walks“ organisiert haben, lief es irgendwann auf eine Schwesternband hinaus: Doctorella. Beide Grethers singen, Sandra spielt Gitarre, irgendwelche Jungs bedienen die restlichen Instrumente.

„Drogen und Psychologen“ heißt das Debütalbum von Doctorella, das im Kater Holzig präsentiert wird. Man merkt den beiden Frauen an, wie sehr sie sich darüber freuen, es geschafft zu haben: die eigene Band! Record-Release-Party! Ein paar zahlende Gäste! Und sie beweisen, was für eine wichtige Gruppe sie da gegründet haben. Jeder kann Musik machen – das hat die Punkbewegung gelehrt –, und die Riot-Girls riefen die Frauen zur Selbstermächtigung auf. Dann kamen Dieter Bohlen und diese grässlichen Talentshows. Die Grethers nun können nicht singen, aber das kann Bob Dylan ja auch nicht, und manchmal klingen sie so falsch, dass man meint, gleich zerspringt einem das Glas in der Hand. Aber die Botschaft der Grethers ist überzeugend: Wenn wir uns auf die Bühne stellen können, kannst du es auch! Andreas Hartmann

KLASSIK

Zirkel statt Pinsel: Tadaaki Otaka mit dem RSB im Konzerthaus

Bis auf den letzten Platz ist der große Saal des Konzerthauses besetzt, als Tadaaki Otaka sein Pultdebüt beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) gibt. Der in Japan und Großbritannien umtriebige Dirigent, ausgewiesener Romantikspezialist, überrascht mit interpretatorischer Bescheidenheit, wenn man es nett ausdrücken möchte. Gustav Mahlers Sechste, dieses große tragische Mauerwerk von Tönen, stellt der 65-Jährige ganz ins weiße Licht des Schmerzes, mitten hinein in die Kälte der Aggressivität.

Problematisch ist daran, dass er die dramaturgischen Schärfen nivelliert und über die Widersprüche und Kontraste, die in dieser Partitur unübersehbar sind, hinwegspielen lässt. Seine Idee einer stringenten Musik, die sich nur aus dem Geschriebenen nährt, mag in sich geschlossen sein, eliminiert aber die Binnenspannung, die Mahlers Werke so aufwühlend macht. Mahler braucht Deutung, historischen Kontext, seinen Wiener Schleier, sonst teilt er sich schwer mit. Diese Glut glimmt lau. Otaka ist mit dem Zirkel gekommen, nicht mit dem Pinsel, und so bleibt nichts von der Erschütterung, die andere Dirigenten hervorrufen können.

Das ist insofern schade, als das virtuos aufgestellte RSB dieser Sinfonie souverän entgegentritt. Erez Ofer führt als Konzertmeister eine Reihe exquisiter Soli an, besonders erdrückend in der Hörner- und Oboengruppe. Dass sich innerhalb des riesigen Apparates auch Asynchronitäten einschlichen, konnte den Gesamteindruck nicht schmälern: Dieses Orchester ist in Bestform. Christian Schmidt

KLASSIK

Furchtlos statt ehrfürchtig:

Jonathan Biss im Kammermusiksaal

Die Klavier-Reihe der Berliner Philharmoniker beschert dem Kammermusiksaal beeindruckende Besucherzahlen. Es hat sich herumgesprochen, dass sich hier Pianisten mit einem staunenswerten Reflexionsvermögen an den Steinway setzen. Der 31-jährige Jonathan Biss passt hervorragend in diese Serie. Gerade hat er damit begonnen, alle Beethoven-Sonaten einzuspielen. Seine Auseinandersetzung mit dem 32-köpfigen Drachen begleitet er schreibend – so fesselnd, wie mancher seiner Kollegen gerne Klavier spielen würde. Für sein Recital-Debüt bündelt Biss drei Mal Beethoven mit zwei Mal Janacek. So ein Programm komponiert nur, wer sich seiner Sache ganz sicher ist und Bekenntnisse nicht scheut.

Biss, amerikanischer Berufsmusiker in der dritten Generation, ist auf eine bescheidene Art furchtlos, von schmaler Gestalt und doch ein kraftvoller Interpret. Wie er Beethovens Sonate Nr. 5 in c-Moll mit schnörkellosem Vorwärtsdrang eröffnet – sehnig, vollstimmig –, zieht unmittelbar in den Bann. Biss betont sie nicht übermäßig, die Fragilität, die hinter dieser Vitalität steckt. In nicht jeder Phrase lauert ein Abgrund, in jedem Werk sehr wohl. Wie er gleich danach Janaceks „Im Nebel“ lichtet, ohne den Stücken ihr elementares Suchen zu nehmen, beeindruckt ebenso wie die unverbraucht anhebende „Mondscheinsonate“. Janaceks Klaviersonate zwischen Vorgefühl und Trauer entwickelt Biss aus intimer Kennerschaft, Beethovens „Les Adieux“-Sonate lässt im furiosen Wiedersehenstaumel Raum für Fragen. Großer Applaus. Ulrich Amling

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