KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Volker Lüke

ROCK ’N’ ROLL

Ohrensausen:

Willy Moon in der Berghain-Kantine

Jede Kritik an der Wiederbelebung vergessener Rock-’n’-Roll-Klischees verbietet sich, wenn man sieht und hört, wie schamlos charmant der ultracoole Willy Moon bei seinem Auftritt in der Berghain-Kantine das Publikum an den Ohren packt und „I wanna be your man!“ hineinbrüllt. Eine Musik, die einen in die Zeit von Petticoats, Brisk-Frisiercreme und Linoleum-Fußböden zurückführt und dabei gleichzeitig so erfrischend neu und anders klingt, dass man sich um die Zukunft nicht sorgen muss.

Vom ersten trocken-knackigen Beat wird man auf einen anderen Planeten gekickt, fern von allem, was sonst den Tanzboden zum Vibrieren bringt. Dazu bewegt sich der 21-jährige Neuseeländer im todschicken Zweiteiler wie der blutjunge Mick Jagger. Zwei Schritte zurück, einen vor, die Crooner-Lippen eng ans Mikro gepresst. Mit kräftiger Stimme parodiert er Gospelschmelz und Hinterhof-Loser-Dramen, während eine flotte Schwarzhaarige im Vampirella-Look in die Gitarrensaiten langt und eine Schlagzeugerin mit knappem Oberteil auf die Felle drischt wie ein Bergarbeiter, der Kohle kloppt (nicht nur gut anzuhören, sondern auch schön anzusehen). Dazu treibt ein DJ die minimal rockenden Stücke an zwei Plattentellern mit punktgenauem Kratzen voran. Zitate vom Wu-Tang-Clan, Buddy Holly oder alte „Chain Gang“-Arbeitslieder werden in kleinste Geräuscheinheiten zerhackt und zu einem rasiermesserscharfen Sound verdichtet.

Dass sich dabei kleine Schnitzer im Soundgefüge einschleichen und mal wieder „I put a spell on you“ von Screamin’ Jay Hawkins gegen die Wand gefahren wird, mag kaum stören. Schließlich geht es um die große Teenage-Rebellion-Rock-’n’-Roll- Party mit blauen Flecken und pochendem Herzen – das, worauf du gewartet hast seitdem du 16 bist, als du noch nicht wusstest, dass man älter wird. Bereits nach 23 Minuten ist der Spaß vorbei. Das Publikum will es kaum glauben und zieht geplättet von dannen. Volker Lüke

KLASSIK

Fingerfertig: Jordi Savall eröffnet das Zeitfenster-Festival im Konzerthaus

Es muss eine Art „Lili Marleen“ des Spätmittelalters gewesen sein: Mochten sich auch die Völker, die rund ums Mittelmeer lebten, die Köpfe einschlagen, das Liebeslied mit der sehnsüchtig aufsteigenden Quinte überwand mit Leichtigkeit alle Grenzen: als „Üsküdar“ in der Türkei, als „Apo xeno meros“ in Griechenland, als „Ghazali tal jàhri“ in Marokko und Israel, als „Durme hermosa dunzella“ bei den Sephardim auf Rhodos. Jordi Savall und die multinationalen Musiker seines Ensembles Hespèrion XXI spielen das Stück beim Zeitfenster-Festival in den unterschiedlichsten Zungen und mit feinen regionalen Färbungen von Melodie und Instrumentation.

Dass Savall dieses berührende Zeugnis für die Kommunikations- wie Friedensfähigkeit des Menschen noch dadurch zu übersteigern sucht, dass er auch die Toten mit einbezieht und eine Version des Liedes in einer Aufnahme der vor fünf Monaten verstorbenen Hespèrion-Mitbegründerin Montserrat Figueras einspielen lässt, ist aber bedenklich. Schließlich leben große Musiker weniger in ihren Aufnahmen fort als in ihrem Einfluss auf andere Musiker. Außerdem liegt gerade bei einem Programm wie „Mare nostrum“ (das parallel als CD erhältlich ist) die wichtigste Aufgabe darin, zu zeigen, dass sich der Live-Auftritt trotz des perfekten digitalen Abbilds noch lohnt. Das geschieht am besten absichtslos: Wenn der Schlagzeuger mit angefeuchtetem Finger wie beiläufig über das Trommelfell fährt, oder wenn Lior Elmaleh mit halb geschlossenen Augen sich und das Publikum in Trance singt (das Zeitfenster-Festival läuft bis zum 3. Mai im Konzerthaus, Infos: www.zeitfenster.net). Carsten Niemann

KUNST

Augenfalle: Beate Terfloth

im Mies-van-der-Rohe-Haus

Das Auge muss ackern im Mies-van-der- Rohe-Haus. Für ihre Ausstellung „Placement“ hat Beate Terfloth winzige Mosaikfragmente auf großformatiges Papier gemalt (bis 27. Mai, Oberseestr. 60, Di–So 11–17 Uhr). Die Farbinseln treiben auf der weißen Fläche und scheinen sich zu entfernen, sobald man sich nähert. Erst in der Nahsicht werden die Konturen scharf. Der Blick durch ein Moskitonetz hat die Künstlerin zu dieser Serie von Gouachen angeregt. Das engmaschige Raster bauscht sich zu luftigen Falten. Die Quadrate verbinden Geometrie und Ornament. Hinter dem Schleier scheinen sich Sommerblüten zu verbergen: Hortensien, Malven, Rosen. Die Wände der großzügig geschnittenen Villa Lemke werden durchlässig. Die Serie weitet den Raum und bildet einen entspannten Auftakt für das Jahresthema des Hauses: „Die Kunst des Einfachen.“

Raffiniert schlicht spiegelt auch die Wandzeichnung in der Wohnhalle den Lichteinfall durch die großen Fensterquadrate. Als Augenfalle hat Beate Terfloth die Glasfenster auf den Putz gezeichnet. Die Kunst reagiert hier hauchfein auf die Architektur. Die Eckstreben treten deutlich hervor, dann verschwinden die Konturen im Weiß. Das Auge sucht Klarheit und prallt auf Widerstand. Beim Blick durch die Fenster von Mies van der Rohe kann es sich von der Anstrengung erholen. Simone Reber

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