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KLASSIK

Farbfeuerwerk: Gustavo Dudamel und die Berliner Philharmoniker

Gustavo Dudamel und den Berliner Philharmonikern gelingt am Donnerstag eine Interpretation von Richard Strauss’ „Also sprach Zarathustra“, die aufs Beglückendste deutlich macht, warum Live- Aufführungen (auf ewig!) jeder technisch noch so perfekten Aufzeichnung überlegen sein werden. Man meint förmlich, die Energieströme greifen zu können, die, von Dudamel ausgehend, durch die Stimmgruppen flitzen. Kammermusik in 100-köpfiger Besetzung: lodernde Streicherkantilenen, ein Feuerwerk der Klangfarben, lebensprall und virtuos, animiert von einem vorausschauenden Dirigat, das bei jedem Abschwung schon das nächste Crescendo mitdenkt.

So wie die Philharmoniker kann derzeit keiner Maurice Ravel spielen, hauchzart, ätherisch, mit blattgoldfeinen pianissimi. Gustavo Dudamel lässt sich von diesem akustischen crêpe de chine ebenso verzaubern wie das Publikum – und vergisst darüber ganz, dem Marsch wie dem Walzer aus der „Ma Mère l’Oie“- Suite Puls und Kontur zu geben. Bei Erich Wolfgang Korngolds Violinkonzert wiederum bringt Leonidas Kavakos mit seinem aristokratischen, samtigen Sangeston die Philharmonie zum Rasen. Ein Urteil, dem man sich nicht anschließen muss: Schließlich handelt es sich hier um ein echtes Show- Stück, kompiliert aus Abenteuerfilm- Soundtracks. Wer da nicht wenigstens ein bisschen verwegen auftritt, den gefährlichen Flirt mit dem Publikum wagt, sondern stattdessen in den lyrischen Momenten stoisch in seine Stradivari hineingeigt und in den rasanten Passagen neben dem Orchester herspielt, der hat, pardon, das Thema verfehlt. Frederik Hanssen

FOLK-POP

Betörend: Bowerbirds

im Lido

Entrückt klingt die Musik der Bowerbirds. Wie aus einer anderen Welt. Ganz weit draußen in der Einsamkeit der Wälder North Carolinas lebt das Musikerpaar Beth Tacular und Phil Moore. Seit Jahren bauen sie dort an einem Holzhaus, tollen mit ihrem Hund herum, stromern durch die Natur, aus der sie ihre poetischen Liedtexte ziehen, basteln an Songs und Sounds. Immer, wenn sie eine Platte fertig haben, bereisen sie die Welt.

Nach einem harten Jahr, in dem Beth unter einer mysteriösen Krankheit litt, sich das Paar eine Zeit lang trennte, ist jetzt das neue Album erschienen: „The Clearing“. Alles wieder klar, das Holzhaus fast fertig, die Dinge haben sich gelichtet. Beim Konzert im Lido liegt die Dunkelheit nur noch in den Songs. Ätherische Melodien mäandern um vertrackte Rhythmen. Gestützt vom Trommler Yan Westerlund und Mark Paulson am Bass. Sowie Leah Gibson am Cello fürs Elegische. „Just come down from a high fever (…) or the fear of the dark“, singt der bärtige Phil, die langen Haare zum Knopf auf dem Hinterkopf geknüpft. Tief aus dem Bauch weht die sanfte Stimme auf in luftige Höhen zur zart gezupften semiakustischen Gitarre. „I couldn’t see the full sun this afternoon“, singt Beth, spielt Akkordeon und Klavier. Gemeinsam finden sie zu zauberhaften Duetten und betörend mehrstimmigem Harmoniegesang mit den anderen. Erinnerungen an The Mamas And The Papas und Brian Wilsons Beach-Boys-Bizzarerien und doch etwas ganz anderes. Folkmusik ist es nicht. Aber was dann? Siebzig Minuten eindringliche Schönheit, die schwindlig macht, aber auch etwas schläfrig. Und draußen im Kreuzberger Nachtlärm hat man alles wieder vergessen. H. P. Daniels

TALK

Freundlich: Frank-Walter Steinmeier

trifft Thomas Quasthoff

Sitzen zwei Sozialdemokraten auf der Couch. Der eine, Frank-Walter Steinmeier, ist als Gast gekommen und der andere, Thomas Quasthoff, als Moderator der „Nachtgespräche“ im Konzerthaus. „Ich möchte jetzt nicht die Maybrit Illner spielen“, sagt er zur Einführung – und spielt dafür den freundlichen Genossen. Es wird über Steinmeiers Leben als Politiker diskutiert, über sein Verhältnis zur Familie, über Freundschaft, während sich immer mal wieder zwei junge Musiker auf die Bühne drängeln und ein paar Lieder präsentieren. Viel zu wenig! Schade auch, dass kein Satz über die Musik fällt, keine Erklärung, welche gesellschaftliche Bedeutung der Kunst innewohnt. Wirklich erhellend ist eigentlich nur Quasthoffs Bonmot von der „Partei mit der Augenklappe“ – das Steinmeier mit der Bemerkung kontert, dass man nicht wisse, „ob sie die Augenklappe rechts oder links hat“. Ein wahltaktisches Versprechen gibt’s zum Ausklang: Wenn die SPD gewinnt, so der potenzielle Kanzlerkandidat, werde sie garantieren, dass Künstler ihr geistiges Eigentum nicht umsonst hergeben müssen. Tomasz Kurianowicz

OPER

Schlagfertig: Eine südafrikanische „Zauberflöte“ im Admiralspalast

Dass diese „Zauberflöte“ anders wird, hört man sofort: Acht Marimbas, mehr braucht es nicht, um die Ouvertüre herbeizuzaubern. Der südafrikanische Regisseur Mark Dornford-May, 2008 Gewinner des Goldenen Bären für seinen „Carmen“-Film, bringt mit dem rein schwarzen Ensemble Impempe Yomlingo Mozart in den Admiralspalast (bis 5. Mai). Das Ensemble ist sympathisch und mit Herzblut bei der Sache. Aber der rein perkussive Charakter des Klangbildes – außer Marimbas gibt es nur Trommeln – ist eindimensional und ermüdet schnell.

Beim Gesang stehen einige schöne, gleichmäßig geführte und leuchtende Stimmen auf der Habenseite, vor allem von Simphiwe Mayeki (Sarastro) und Nobulumko Mngxekeza (Pamina). Pauline Malefane, die im Film die Carmen gesungen hat, kann als Königin der Nacht in der Mittellage überzeugen, bei den fiesen hohen Tönen nicht. Von Papagenas Rolle ist nur das Schlussduett mit Papageno übrig geblieben. Sollte die Produktion zeigen wollen, wie universell Mozart funktionieren kann, so ist das nicht wirklich überraschend. Wer will, kann in ihr einen Beitrag zur Blackfacing-Debatte sehen, Taminos (Mhlekasi Mosiea) Gesicht wird nämlich im Tempel der Eingeweihten weiß angemalt – letztlich eine genauso fragwürdige Maßnahme, wie aus einem weißen Schauspieler einen schwarzen zu machen. Udo Badelt

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