KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

KLASSIK

Fenster zum Paradies:

Christina Pluhar im Konzerthaus

Jede einmal gezogene Grenze ruft nach Widerspruch, denn was wirklich elementar wichtig ist, kann dort keinen Halt machen. Musik strömt über diese Verteidigungslinien hinweg, durch die Jahrhunderte, flutet den selbst geschaufelten Graben zwischen Heiligem und Profanem – und plötzlich sitzen wir am mare nostrum. Christina Pluhar und ihr Ensemble L’Arpeggiata sind Entdecker grenzenlosen Musizierens. Ausgehend von der Musik des 17. Jahrhunderts und ihren rhythmisch- kosmischen Konstellationen fließen Volksmusik und Kirchenwerke zu universeller Kraft zusammen. Das Zeitfenster- Festival im Konzerthaus holt L’Arpeggiata endlich nach Berlin – und hätte wohl kaum ein besseres Ensemble finden können, das neben Fenstern auch noch Türen öffnet.

„Via Crucis“ ist ein Programm, das ein Passionsspiel aus verschiedensten Zutaten zusammenfügt: Monteverdi und neapolitanische Volkslieder, Canzoni treffen auf Madrigali, eine Toccata folgt auf A-cappella- Gesang, in ein Wiegenlied schiebt sich das Lamento über den Tod Christi. So kann man auch die Kunst des korsischen Vokalquartetts Barbara Furtuna fassen: vier Männerstimmen, die einen Klang bilden, so zärtlich raumgreifend, wie man es nur live erleben kann. Pluhar und ihre Musiker geben der klassischen Musik zurück, was sie in ständiger Anbetung ihrer Gipfelwerke an den Jazz, den Blues verloren hat: die Freiheit der Improvisation, des Weiterspinnens unseres Klanglebensfadens, die Kunst der Vergegenwärtigung. Vor einem wagemutigen Zinkbläser wie Doron Sherwin verbeugen sich Musiker aller Jahrhunderte. Und wenn er als Zugabe noch von den Qualen der Hölle singt, im Wettstreit mit zwei engelsgleichen Kirchenstimmchen, dann spätestens wissen wir: Das Paradies ist hier. Ulrich Amling

KLASSIK

Seefahrt zur Insel: Donald Runnicles

in der Deutschen Oper

In Eile hat Mozart für einen gastfreundlichen Grafen die Linzer Sinfonie „über hals und kopf“ komponiert. Fünf Jahre entfernt von dem „Jupiter“-Werk in derselben Tonart C-Dur klingt die Musik gefälliger, die kontrastreiche langsame Einleitung kommt dem Zugriff von Donald Runnicles entgegen. Seine Absicht, das sinfonische Repertoire des Orchesters auszubauen, ehrt den Generalmusikdirektor der Deutschen Oper. Auch wenn die Mozart-Aufführung im Detail noch ein bisschen „über hals und kopf“ erscheint, werden die Musiker ab 2012/13 von dem angesagten Brahms profitieren. Sie verstehen sich gut mit ihrem schottischen Chef, der nach seinem dramatisch gleißenden „Lohengrin“ nun den stilleren Wagner der Wesendonck-Lieder dirigiert, sorgsam im Sinn der ursprünglichen Klavierfassung. In diesen „Tristan“-Studien entfaltet mit Nina Stemme die Interpretin einer gereiften Isolde ihre Kunst, volles Timbre, fragile Höhe. Frenetischer noch wird sie von den Fans an der Bismarckstraße für eine Rarität des Konzertlebens gefeiert: Lieder aus verschiedenen Zyklen von Sergej Rachmaninow, die luxuriös, dankbar, gefühlvoll, hymnisch wie geschaffen sind für ihren Sopran.

Es liegt an Patrice Chéreau, dass Arnold Böcklins „Toteninsel“ sich mit der Musik von Richard Wagner aufgeladen hat und das Gemälde in der Theatergeschichte des 20. Jahrhunderts als Synonym für den berühmtesten Bayreuther „Ring“ steht. Rachmaninows Tondichtung „Die Toteninsel“ passt daher, intensiv musiziert, thematisch ins Programm. Sie überbietet es mit einem Klangbild wild wogender Gewalt für großes Orchester, als ob nicht ein geruderter Nachen, sondern eine Titanic auf die geheimnisvolle Insel zusteuerte. Sybill Mahlke

0 Kommentare

Neuester Kommentar