KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Mirakulös: Pianistin Yuja Wang

im Schiller-Theater

Die Staatsoper übt sich geschickt darin, ihre zeitweilige Bühne im Schiller-Theater mit zusätzlichen Musikgenüssen zu beleben, die sonst eher selten auf Bühnenbrettern geboten werden. Den jüngsten Abend im von Daniel Barenboim angeschobenen Klavierzyklus bestritt Yuja Wang, und man kann der Staatsoper zu dieser Wahl nur gratulieren. Denn was die erst 25-jährige Chinesin auf dem Flügel macht, grenzt an Zauberei. Nicht wegen ihrer Virtuosität, sondern trotz: Nur allzu häufig langweilt bei mittelmäßigen Pianisten eine sinnentleerte Rekordraserei auf der Klaviatur. Yuja Wang hingegen nutzt ihre Perfektion für die musikalische Aussage, und das gereicht allemal zum Ausnahmeereignis.

Ihren Beethoven (die Schwestersonate des Mondschein-Opus 27) macht sie beinahe zum Romantiker, Prokofjew (die berühmte 6. Sonate) glatt zum Impressionisten. Wie bei Liszts großer h-Moll-Sonate der Pianoschluss außerhalb jeden Farceverdachts gerät, ist geradezu mirakulös. Seine zu Plattheiten neigende Motivbehandlung ebnet Wang nicht zusätzlich ein, sondern sucht nach den Widerhaken, dem Abgründigen, dem Verletzlichen. Ihr butterweicher Anschlag zaubert echtes Pianissimo, und mit harter Handdisziplin erreicht die zierliche Frau eine Kraft, die ohne Force ins Mark geht.

Höhepunkt des Abends indes wird ihr Prokofjew, dessen zeitgleich mit der Sonate entstandene Oper „Die Verlobung im Kloster“ als Empfehlung an die große Bühne durchklingt. Dass ein Pianist innerhalb kürzester Figuren selbst in den irrwitzigsten Passagen so unterschiedliche Klangfarben erzeugt, ist selten. Yuja Wang erkennt die orchestrale Dimension und setzt sie mit betörender Logik um. Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet der gröbste Virtuosenschinken aus der Zugabenkiste das Publikum von den Sesseln reißt. Christian Schmidt

JAZZ

Melodiös: Vijay Iyer Trio

im A-Trane

Vom ersten Ton an war klar, warum das A-Trane für ein Zusatzkonzert bereits um 19 Uhr geöffnet hatte. Mit Vijay Iyer und seiner langjährigen Band mit Bassist Stephan Crump und Schlagzeuger Marcus Gilmore war das Piano-Trio des Jahres in der Stadt. Revolution, Erfindungsreichtum und Qualität sind Iyers Leitmotive, und der 40-jährige Amerikaner mit indischen Vorfahren löst diese künstlerische Selbstverpflichtung mühelos ein. Rhythmische Transformationen erfüllen den Raum, Beats, die sich scheinbar verdoppeln, melodisch-harmonische Kippfiguren, die sich bei Heatwaves „The Star of a Story“ und Michael Jacksons „Human Nature“ bedienen und ein Prinzip des Jazz untermauern: Improvisatorische Neuerfindung Groove-basierter Musik kennt keine Grenzen. Perfekt die Präzision des in intensiver Tourneearbeit gewachsenen Trios, die Lust am Experimentellen, eindrucksvoll der hörbare Glaube an die Freiheit der Improvisatoren. Wenn er große amerikanische Komponisten wie Andrew Hill und Henry Threadgill in seine eigene Klangsprache übersetzt, wird deutlich, wie sehr Iyer sich zu einem der eigenwilligsten und reflektiertesten Jazzkünstler unserer Zeit entwickelt hat. In einem thematischen Abstecher nach Detroit ehrt Iyer zudem den Erfinder des Minimal Techno, Robert Hood. Die meisten Stücke sind auf Iyers jüngstem CD-Meisterwerk „Accelerando“ nachzuhören – und als kleine Hommage zum 113. Geburtstag von Duke Ellington gibt Iyer als Zugabe eine Solointerpretation der Ballade „Warm Valley“. Schon jetzt ein Höhepunkt des Konzertjahrs das alles, bis zum letzten Ton. Christian Broecking

THEATER

Maliziös: Die Puppen tanzen

im Gorki-Studio

Puppentheater ist auch nicht mehr das, was es mal war. Niedlich und was für Kinder. Zumindest nicht beim „Unmenschlichen Montag“ im Studio des Maxim- Gorki-Theaters, wo regelmäßig Studierende der Ernst-Busch-Schule, Abteilung Puppenspielkunst, ihre Experimente vorstellen. „Heinz Holzer. Fragmentierung Fortgeschritten“ von Klaus Häusler zum Beispiel ist eine ambitionierte und beeindruckende Reise in die Zukunft der Selbstoptimierung mittels Neurochirugie. Und die geht so: Acht Puppenspieler tragen grüne OP-Kittel und erzählen mit einem halben Dutzend Puppen die Geschichte von Heinz Holzer, einem antriebslosen Angler, der von seiner Frau Tilli zwecks Nachbesserung in die Spezialklinik geschickt wird. Dort überredet ihn ein mephistophelischer Professor dazu, doch gleich die Generalüberholung zu buchen – also sich die Erinnerung (rein mit dem Schlauch in die realistisch schimmernde Hirnmasse!) komplett absaugen zu lassen, um sich in der Folge nach den eigenen Vorstellungen selbst zu entwerfen.

Das Projekt geht leider nach hinten los. Heinz wird eine Art Zombie mit seelenloser Fistelstimme. Puppen, die erst zum Leben erweckt werden, um dann zu Automaten zu mutieren, das ist lässige Puppenspielerselbstironie. Genauso souverän und abgeklärt geht man hier mit Videoübertragung und dem faszinierenden Grusel medizinischer Diskurse um, ohne dabei – und das ist die Kunst – den animistischen Zauber der Gattung zu zerstören. „Unmenschlicher Montag“ im Gorki. Unbedingt merken. Andreas Schäfer

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