KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Ganz in Weiß: Ensemble Laboratorium beim Deutschlandradio

Ein Pianist im Schlafanzug, eine Braut an der Oboe, eine Oberärztin am Schlagwerk. In seiner traurigen „Greeting music“ verlangt der glücklose Komponist Claude Vivier zudem emotionslose Mimik und an Bewegung nur das Minimum. Man muss gestehen: So kommt das Ensemble Laboratorium bei seinem Deutschlandradio Debütkonzert im Kammermusiksaal ein wenig bizarr daher. Angesichts der Fülle von Ensembles zeitgenössischer Musik ist das Bedürfnis nach Alleinstellungsmerkmalen verständlich – doch ob weiße statt schwarzer Konzertkleidung die Lösung ist, zumal für so exquisite Instrumentalisten? Laboratorium wurde 2004 bei der Lucerne Festival Academy von jungen internationalenMusikern gegründet. Der Geist von Pierre Boulez ist stets präsent: präzises Spiel mit solistischer Verantwortung, immer dem Wesen des Werks auf der Spur. Zwei konträren Außenseitern ist das Programm mit dem Titel „Ferne Welten“ gewidmet. Die verzweifelte Suche nach Identität verleiht der Musik Viviers, der nach elternloser Jugend einen gewaltsamen Tod fand, einen fast penetrant subjektiven Charakter, dass selbst „Pulau Dewata“, ein Werk über seinen Bali-Aufenthalt – angeblich die unbeschwerteste Zeit seines Lebens – hoffnungslos deprimierend klingt. Das Herz des spät entdeckten Amerikaners Conlon Nancarrow hingegen schlug für die Maschine. Sein Hauptwerk bilden für Menschen unspielbare polymetrische Studien für Selbstspielklavier. Das Arrangement von Laboratorium exponiert zwar die motivisch simplen, metrisch aber hochkomplexen Strukturen, nimmt ihnen damit aber den Zauber des Übertritts menschlicher Grenzen. Hier gibt es nur Staunen oder Verstehen. Barbara Eckle

KUNST

Ganz in Schleifen: Rayan Abdullah

in der Galerie im Körnerpark

Die ursprüngliche Aufgabe eines Buchstabens ist es, Worte zu bilden. Dass man weit darüber hinausgehen kann, beweist der irakische Typograf und Schriftkünstler Rayan Abdullah in der Galerie im Körnerpark (Schierker Str. 8, bis 27. 5.; Di – So 10 –20 Uhr), die einen Querschnitt seines Werks zeigt. Darunter auch das von ihm entwickelte Corporate Design für verschiedene große Unternehmen, etwa Volkswagen und die Berliner Verkehrsbetriebe sowie die arabischen Schriftzüge für McDonald’s und Nokia. In seinen freien Arbeiten formt er Gesichter aus arabischen und lateinischen Buchstaben, dann lässt er das Wort Typografie in einem Gewirr aus Buchstaben schwimmen. Abdullah zeigt, wie bloße Schriftzeichen auch weltpolitische Ereignisse widerspiegeln können. Die umgekippten Buchstaben des Wortes „Bagdad“ in Kombination mit einem roten Kreuz stehen unmissverständlich für die zerstörerische Kraft des Angriffs. Schrift ist Poesie, eine Welt in sich, in der es scheinbar unbegrenzte Ausdrucksmöglichkeiten gibt. Durch ihre Formenvielfalt entstehen immer wieder neue Möglichkeiten der Komposition. Abdullah verbindet schwungvolle kalligrafische Zeichen mit eckigen Formen und lässt doch ein harmonisches Gesamtbild entstehen. Seine Logos wirken wie eine Symbiose aus arabischer Schriftkunst und modernem Design: Zwei Welten verbinden sich. Sina Schroeder

KUNST

Ganz in Kohle: Akademie der Künste zeigt ihre Stipendiaten

Tag für Tag sitzt Clara Montoya unter einem riesigen Gerüst mit Greifarm und formt Tonkugeln. Sobald eine trocken ist, hebt der Greifarm die Kugel an und lässt sie zu Boden krachen. Am nächsten Tag beginnt Montoya von vorn. „Scheherazade II“ lautet der Titel ihrer Skulptur. Wie Scheherazade jede Nacht eine neue Geschichte erzählt, muss auch der Künstler ständig produzieren, um zu bestehen. Die Spanierin gehört zu den fünf Künstlern der Ausstellung „Junge Akademie 2012“ in der Akademie der Künste (Pariser Platz, bis 28. 5.; Di - So 11 - 20 Uhr), die den Monat der Stipendiaten eröffnet. Der Ire John Gerrard erstellt mithilfe einer bei Computerspielen angewandten Software 24-Stunden-Aufnahmen von merkwürdigen, verlassenen Orten im Niemandsland: eine vollautomatische Schweinemastfarm, eine Ölpumpe.

Katja Pfeiffer zeigt mit ihrem Werk, dass sich Vogelhäuser und Bunker, auf gleiche Größe gebracht, kaum voneinander unterscheiden. Die Arbeiten der beiden Zeichner, des Will-Grohmann-Preisträgers Jan Wawrzyniak und des Belgiers Steven Baelen könnten unterschiedlicher nicht sein, obwohl sie beide mit Kohlestiften arbeiten. Wawrzyniak öffnet auf seinen beschnittenen Leinwänden Räume mit ganz wenig: gerade einmal einer Linie oder einer schwarzen Fläche. Baelens riesige Wandzeichnung hingegen ist ein Vexierbild seines eigenen Umfelds. Annika Brockschmidt

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