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FOTOGRAFIE

Traum und Wirklichkeit: Porträts von

Einwanderern im Jüdischen Museum

Vater und Sohn am Küchentisch, vor ihnen Papiere. Beide sitzen vornübergebeugt, der Sohn, Ilja, kaum älter als acht Jahre, deutet auf die Blätter – er bringt seinem Vater Mikhail Troitschanski Deutsch bei. Die Familie emigriert 1990 von Moskau nach Berlin. Sie gehört zu der Viertelmillion russisch-jüdischer Einwanderer nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs. Der Fotograf Michael Kerstgens hat einige dieser Einwanderer begleitet. Die Ausstellung seiner Fotos „Neues Leben. Russen, Juden, Deutsche“ ist im Jüdischen Museum zu sehen (bis 15.7., Lindenstr. 9-14, Di-So 10-20, Mo 10-22 Uhr). Nur wenige wandern aus religiösen Gründen aus, wollen vielmehr bessere Chancen und Ausbildungsmöglichkeiten für ihre Kinder. So auch die Troitschanskis. Sie sind wie viele andere auch anfangs nicht religiös, befassen sich aber in Deutschland mehr und mehr mit dem, was zu einer jüdischen Identität werden wird. Bei den Troitschanskis geht das so weit, dass sie ein jüdisches Leben mit Deutschland nicht vereinbaren können – sie wandern nach Kanada aus.

Aus Kerstgens Fotos spricht nicht nur die Hoffnung auf ein besseres Leben und Ausgelassenheit beim Feiern des Schabbats im Kreise der Familie, sondern auch die Differenz zwischen Hoffen und Realität: Drei alte Frauen absolvieren in den Räumen der Jüdischen Gemeinde Sprachunterricht. Zwei sind in ihre Arbeitsblätter vertieft, die Mittlere sieht mit verschwommenem Blick am Fotografen vorbei. Resigniert ob der deutschen Grammatik oder angesichts der Anfeindungen auch innerhalb der jüdischen Gemeinde, mit denen die russischen Einwanderer sich konfrontiert sahen? Kerstgens fängt die Momente des Zweifelns und des Alltags ein: eine einfühlsame Collage der Lebenswelt russisch-jüdischer Einwanderer in den letzten 20 Jahren. Annika Brockschmidt

KLASSIK

Brahms vom Barhocker:

David Garrett in der Philharmonie

Ein freches Grinsen kann sich David Garrett nicht verkneifen, als er die Musik zu „Pirates of the Caribbean“ als Zugabe ankündigt. Dabei gibt es wohl kaum etwas weniger Schockierendes als das hübsche folkloristische Arrangement des bekannten Filmthemas. Die wahre Provokation des Abends gilt Garretts junger kreischbereiter Crossover-Fangemeinde. Denn die Aufgabe, die sich der modebewusste Stargeiger gestellt hat, besteht darin, zwei der größten Klöpse der klassisch-romantischen Violinliteratur so in seinem Programm unterzubringen, dass sie auch von denen verdaut werden können, die er in der Vergangenheit mit virtuosen Häppchen angefüttert hat.

Das Podium, auf dem Garrett, der Pianist Julien Quentin und – für einige Arrangements – auch der Gitarrist Marcus Wolf Platz nehmen, ist daher mit einem kleinen Teppich wohnlich eingerichtet, und auch der Barhocker für den Geiger sorgt für eine entspannte Lounge-Atmosphäre. Dass es sich bei drei Stücken, die Garrett zwischen virtuos-eingängigen Kabinettstückchen von Fritz Kreisler, Rachmaninoff und Vivaldi einstreut, um Brahms’ große Violinsonate op. 100 handelt, fällt da nicht unangenehm auf: Nicht nur, weil zwischen den Sätzen (wie noch im 19. Jahrhundert üblich) geklatscht werden darf, sondern auch, weil der leichte Salonton, den Garrett in seine Interpretation einfließen lässt, diesem oft allzu protestantisch angegangenen Werk hervorragend ansteht. Mit einem vergleichbaren Aha-Effekt kann Garrett bei Beethovens Kreutzersonate nicht aufwarten, dennoch ist seine leicht romantisierende Lesart technisch so gelungen und formal durchdacht, dass sie auch ungeübtere Hörer dazu verleitet, die Aufmerksamkeitsspanne auszudehnen. Carsten Niemann

KUNST

Latex und Unbehagen:

Anklam und Fromm im Gehag-Forum

Die Arbeiten von Axel Anklam und Marc Fromm könnten unterschiedlicher nicht sein. Die Deutsche Wohnen AG zeigt im Gehag-Forum (Mecklenburgische Str. 57, bis 5.6., Mo-Fr 9-19 Uhr) Werke beider Künstler, die den Facettenreichtum zeitgenössischer Bildhauerkunst eindrucksvoll repräsentieren. Axel Anklam eröffnet mit seinen abstrakten Skulpturen einen großen Interpretationsspielraum. Seine mit Latex überzogenen Stahlgerüste erinnern mit ihren geschwungenen Formen mal an eine Muschel, mal an einen durchscheinenden Insektenflügel. Gleitende Konturen und die meist in einem Ockerton gehaltene Latexschicht verleihen den Objekten einen natürlichen Anschein. Mit ihrem ausladenden Volumen gewinnen die Skulpturen eine starke Präsenz im Raum, der man sich kaum entziehen kann. Gerade in den geschmeidigen Formen liegt der Reiz seiner Werke.

Irritierend echt wirken die lebensgroßen Holzfiguren Marc Fromms. Minutiös geschnitzte Konturen und ausdrucksvolle Bemalung betonen den Wirklichkeitsanspruch in Fromms Arbeiten. Das Gefühl, einer realen Person gegenüberzustehen, weckt Unbehagen. Ähnlich detailgetreu sind auch Fromms Wandreliefs, in denen er sich auf bekannte Motive der Werbung bezieht. Hinter den kitschigen und ironischen Darstellungen versteckt sich Kritik an der heutigen Konsumgesellschaft. So platziert er den McDonald’s-Burger vor einer idyllischen Bergwiese mit dem Slogan „Wissen wo’s herkommt“ darunter. Fromm zeigt: Die Wirklichkeit ist oft nur ein Schein. Und so werden auch seine figurativen Skulpturen als Zitat der Wirklichkeit entlarvt. Sina Schroeder

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