KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

POP

Unterhaltsam:

Bernd Begemann im Lido

Ab und zu, zwischen seinen originellen originalen Songs, haut Bernd Begemann Coverversionen raus. Und die zeigen deutlich, aus welchen melodisch harmonischen und rhythmischen Ingredienzen er seit 25 Jahren sein eigenes feines Süppchen zum Hochkochen bringt. Gerade fragt man sich noch, aus welchem The-Who-Stück er in seinem Song „Dein Trottelfreund meint“ zitiert, folgt schon eine knallige Version von „I Can’t Explain“, der ersten Who-Single von 1964. Das hat Stil. So wie Begemanns wunderbar lustig-trauriges Lied „Ich kann dich nicht kriegen, Katrin“ aus dem Jahr 2003 und das hibbelige „Shout!“ der Isley Brothers von 1959. Der 49-jährige Hamburger Sänger und Songschreiber trägt ein rosa Hemd und eine schnelle Schrabbelgitarre vor dem Wabbelbauch. Er und seine formidable Band verkörpern eine Art musikalische Befreiung. Elektrisierend energisch schütteln sie den grauen Alltag ab. Waberorgel, Ratterdrums, Rumpelbass, Klingelgitarre. Kurz mal das Kinks-Riff von „You Really Got Me“ dazwischengesemmelt, und keiner hat’s gemerkt: Begemanns Publikum im Lido ist relativ jung. Das kennen sie nicht. Aber alle singen „Oh, Sankt Pauli“, die mitreißende Hymne auf den schäbigen Charme des angekratzten Hamburger Viertels. Und das rührende, von Springsteens „Badlands“ befeuerte „Unten am Hafen“. Mit wunderbar krächziger Stimme shoutet Begemann seine einzigartigen Texte über die komische Tragik und die Absurditäten des Alltäglichen. Das ist Unterhaltung! H.P. Daniels

THEATER

Turbulent: „Beste Freundinnen"

in der Neuköllner Oper

Es ist immer das Gleiche: Nancy von Braun muss erst von einer Plappertante im Nagelstudio erfahren, dass ihr reicher Ehemann Robert eine Affäre mit einer Parfümverkäuferin hat. Nancys Welt bricht zusammen. Noch bestürzender: Ihre beste Freundin Babette hat von der ‚Spritzerin' gewusst, hatte aber nicht den Mut, von den schlüpfrigen Details zu erzählen. Der dramatische Konflikt im Stück „Beste Freundinnen“ ist also voll aus dem Leben geschöpft, so wie das Ensemble der Vineta-Bühne, das zum Großteil aus Hobbyschauspielern und Theaterbegeisterten besteht. Die Neuköllner Oper zeigt das selbstgeschriebene, von Astrid Lange inszenierte Stück als turbulente Nummernrevue – mit spritzigen Tanzeinlagen und pfiffigen Eskapaden.

Diese illustre High-Society-Komödie hat ihren Reiz. Doch auch wenn die Dialoge teilweise komisch und scharfzüngig sind – insgesamt zielen die Pointen auf den Kellerbereich jenseits der Schamgrenze. „Beste Freundinnen“ ist ein großer Spaß für „Gala“-Leser und Mario-Barth-Besessene, aber nichts für Freunde der subtilen Unterhaltung. Dennoch sind Lilly Anders als Nancy und Barbara Grunow als Babette ein harmonisches Gespann, das mit Chuzpe überzeugt. Ihr eloquentes Zusammenspiel entschädigt für zweieinhalb lange Theaterstunden, die sich am Ende ziemlich trivial anfühlen. Tomasz Kurianowicz

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