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Atmosphärisch: Philharmonischer Salon mit Burghart Klaußner

Jeder Philharmoniker ein Solist: So heißt die Devise, nach der das Berliner Spitzenorchester in allen Gruppen Brillanz erzielt. Es gehört nicht zuletzt zu den Verdiensten des von Götz Teutsch gestalteten Philharmonischen Salons, einzelnen Spielern aus der homogenen Gemeinsamkeit ein Podium für ihre Individualität zu geben. In der „Soirée bei Amalie Beer, Berlin um 1820“, die Teutsch um die von vielen Geistesköpfen verehrte Salondame imaginiert, ist ein hinreißendes Duo zu entdecken, bestehend aus der Geigerin Aline Champion und dem Bratschisten Walter Küssner. Sie spielen die Nr. 1 des Opus 44 von Georg Abraham Schneider. Der ehemalige Hofkapellmeister ist wohl im Begriff, der auch den Lexika geschuldeten Vergessenheit entrissen zu werden. Denn seine Musik, ansteckend virtuos und freundlich, behauptet sich zwischen Werken von Rossini, Kuhlau, Schubert und Spohr. Die Atmosphäre des Tiergartener Salons um die Mutter von Giacomo Meyerbeer erfasst den Kammermusiksaal mit verzaubernder Tendenz.

Ihren Tod beweint Alexander von Humboldt. Das Programm beschließt ein Adagio des Meyerbeer und Weber befreundeten Klarinettisten Heinrich Joseph Baermann, der in Walter Seyfarth einen empfindsamen Interpreten hat. Die Musiker um Cordelia Höfer, der Schauspieler Burghart Klaußner mit einer großzügigen Unmittelbarkeit im Vortrag der Texte bereiten erfüllte Stunden zwischen Spaß und Bitternis. Denn es geht um Berlin und seine Juden. Und für die „Judentochter“ gilt: „Die Sonne ist untergegangen im tiefen, tiefen Meer.“ Sybill Mahlke

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Lebendig: Harald Schmidt mit dem Concerto Köln in der Philharmonie

Beim Berliner Auftritt Harald Schmidts mit dem Concerto Köln sind die Ränge nur schütter besetzt. Zusammen gibt man Mozarts „Schauspieldirektor“. Schmidts erfundene Zwischentexte ersetzen die Dialoge des Singspiels. Der Moderator präsentiert in der Philharmonie gut abgehangene Witzware über Subventionsirrrsinn und Künstlerallüren: Der Chorist bekommt für das Heben einer Kaffeetasse gewerkschaftlich garantierte 20 Euro extra, während der Regieassistent beim Inspizienten auf der Couch übernachten muss. Von der Kooperation des virtuosen Orchesters mit dem anders virtuosen Entertainer profitieren beide Seiten wenig. Wenn Schmidt nach der ersten, nicht ideal geglückten Arie Ergriffenheit heuchelt, wirkt das geradezu unkollegial. Und die abgefeimte Perfektion seines Moderatoren-Habitus düpiert die etwas unbeholfenen Bemühungen der Sopranistinnen, den Sängerwettstreit gestisch aufzupeppen. Gesungen wird sonst ziemlich gut, auch Schmidt absolviert seine 16 Takte tadellos. Ungerechterweise hat man dank der raumgreifenden Präsenz des TV-Stars da schon fast vergessen, wie lebendig vor der Pause Sinfonien von Beethoven und Rigel musiziert wurden. Das historisch informierte Ensemble verfügt vielleicht über keine sehr große Farbpalette, man staunt aber über die perfekt abgestimmte Artikulation und die Flexibilität der Tempi, zumal ohne Dirigent gespielt wird. Man lacht während der Aufführung gar nicht wenig, hat danach allerdings schlechte Laune. Vielleicht auch, weil der Sommer gemeinsam mit Schmidt in die Pause gegangen ist. Benedikt von Bernstorff

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Behäbig: Vladimir Ashkenazy

beim DSO 

Nach außen sieht es prima aus. Vladimir Ashkenazy, Chefdirigent des DSO von 1989 bis 1999, kehrt noch einmal ans heimische Pult zurück. Nach Verklingen des letzten Tones tobt der ausverkaufte Saal, und Ashkenazy nimmt sehr verschmitzt die Partitur in die Hand und geht damit ab, um dem großen Applaus ein Ende zu gebieten. Insofern scheint der Abend in der Philharmonie geglückt. Gelungen ist auch das Programm; ein pausenfreies Konzert, mit einem für Streichorchester arrangierten Satz aus einem Quintett von Anton Bruckner und Mahlers fünfter Symphonie. Nur mit der Ausführung hapert es, nicht so sehr beim Bruckner-Satz, einer innigen, nachdenklichen Musik, bei der sich die DSO-Streicher fast zwanzig Minuten lang aufhalten. Eher bei Mahlers Fünfter: Durchgehend gibt es Probleme mit der Intonation. Der erste Satz irritiert in seiner Behäbigkeit, wie überhaupt sich Ashkenazy insgesamt für einen breiten Ton, eine ungeschlachte Anlage mit vulgär hochfahrender Dynamik entscheidet. Im Gegenzug fehlt es bei den feiner gearbeiteten Stellen an Sorgsamkeit – zum Ende des zweiten Satzes klappert es dermaßen im Holzbläsergebälk, dass man den Eindruck gewinnt, Ashkenazy könne nicht exakt genug schlagen. Mahler selbst lädt zwar mit Vortragsanweisungen wie „Mit größter Vehemenz“ zu interpretatorischer Radikalität ein, doch tut man seiner Musik keinen Gefallen, wenn man sie ohne Sinn und Verstand wuchern und wabern lässt. Immerhin lässt die Wiedergabe verstehen, wie es zu den bekannten Ressentiments gegenüber seinem symphonischen Schaffen kommen konnte. Christiane Tewinkel

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