KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Christian Broecking

JAZZ

Flüstern, jammern, hupen:

James Carter im A-Trane

Mit Sidney Bechets „Chant of the Night“ eröffnet ein bestgelaunter James Carter pünktlich ein Konzert, das an Meisterschaft, Kür und Exzellenz nicht mehr zu übertreffen ist. Der versierteste Holzbläser des aktuellen Jazz bringt auf die Bühne, was das Genre in seinen Sternstunden auszeichnet: improvisatorische Haltung, multiphone Leidenschaft und zirkulare Überblastechnik. Melodiös und respektvoll beherrscht Carter die Querflöte in Rahsaan Roland Kirks „Many Blessings“. Mit dem Organisten Gerard Gibbs und Schlagzeuger Leonard King Jr., der bei Buddy Johnsons Ballade „I Wonder Where Our Love Has Gone“ auch den Gesangspart übernimmt, ist sein Trio bestens aufgestellt. Mit jedem Atemzug referiert Carter über die Grundlagen afroamerikanischer Musik, eindrucksvoll verwandelt sein Orgeltrio das A-Trane in eine der Kirchen, in denen er in seiner Kindheit oft gespielt hat. Es sind Momente der Ekstase, in denen die Körpertemperatur ansteigt und ein anderes Vokabular gefragt ist, aus denen Carter schöpft: hupend und heulend auf dem Tenorsaxofon, quietschend und kreischend auf dem Sopran, jammernd und flüsternd auf der Querflöte. Carter demonstriert, wie er aus den Kunststückchen seiner Anfangsjahre eine neue Lesart des alten Jazz entwickelt hat. Für eine Zugabe holt er den seit Langem in Berlin residierenden Saxofonisten Detroit Gary Wiggins auf die Bühne – keiner der beiden muss mehr beweisen, dass in Motown einst das Herz der amerikanischen Musik schlug. Christian Broecking

KLASSIK

Frieren, jagen, flehen: Xavier de Maistre im Kammermusiksaal

Es gibt Konzerte, die sind gut. Und es gibt Konzerte, die sind ein Krimi. Der Auftritt des Harfenisten Xavier de Maistre im Kammermusiksaal der Philharmonie gehört in die letzte Kategorie. Als das eher unbekannte Stück „La Mandoline“, eine Fantasie für Harfe von Elias Parish Alvars erklingt, erweist sich die knisternde Essenz dieses außergewöhnlichen Abends. Der Franzose bespielt sein Instrument wie ein ausgefuchster Arrangeur, der jede Note ins richtige Verhältnis setzt. Die Nuancen, das Tempo und die Dynamik, die Spannung zwischen Generalbass und Oberstimme - alles sitzt. Das Ensemble „L’arte del mondo“ begleitet den von Stück zu Stück sich steigernden und alle Fesseln sprengenden Solisten mit stimmigem Abstand: weder aufdringlich noch distanziert. Das Konzert ist vornehmlich dem italienischen Barock gewidmet. Doch bei Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ glaubt man plötzlich, dass der „Winter“, arrangiert für Harfe von Stefan Klieme, allein für de Maistres Gegenwart komponiert wurde. Während das Ensemble sich in Rage spielt, beginnen die Harfenklänge einen eigenen Klangkosmos zu erschaffen, der die Zuhörer nach Venedig katapultiert, hinein in eine dramatische Jagd. Dieser Mann zaubert ganze Welten. Zur Erleichterung kann sich das Publikum eine energetische, sich spiralartig in die Klimax schraubende Zugabe von Godefroids „Carnaval de Venice“ erflehen. Tobender, grenzenloser Beifall. Was für ein Abend. Tomasz Kurianowicz

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