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KLASSIK

Schmerzlich: Benefizkonzert

für die Orgel in Theresienstadt

Ein düsteres und doch so reiches Kapitel Musikgeschichte blättert dieses Benefizkonzert für eine Orgel auf: Das ist ihrem Standort im heutigen Terezín zu verdanken, das zur Nazizeit als „Vorzeigelager“ Theresienstadt besonders viele Künstler und Musiker „beherbergte“ – die aus der vordergründigen Idylle fast alle in die Gaskammern von Auschwitz geschickt wurden. Will man den Ort kulturell wiederbeleben, die einstige Stätte des Grauens wie auch immer „normalisieren“, muss man sich der Erinnerung stellen, wie Bundestagspräsident Norbert Lammert und der tschechische Botschafter Rudolf Jindrák in ihren Grußworten verdeutlichen.

In der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche besorgen dies eine Vielzahl ohne Honorar auftretender Künstler mit Kompetenz und Herzblut; ein deutsch-tschechischer Brückenschlag unter der Regieführung des Berliner Vereins „musica reanimata“ und der Hans-Krásas-Stiftung Terezín. Der Cellist Jacob Spahn, die Bratschistin Barbara Buntrock und der Geiger Simon Roturier bieten Krásas „Tanz“ als so fein ziseliertes, fast impressionistisch flirrendes Gewebe, Gideon Kleins Streichtrio als so anrührende Ausdrucksstudie auf dem Weg von Janácek zu Alban Berg, dass solche verlorene Qualität nur bestürzen kann. Der Frauenchor „Cantica Bohemica“ unter Vladmir Frühauf lässt Kleins hebräisches „Bachuri le’an tissa“ Schumanns „Wassermann“ verwandt erscheinen – jüdisch-deutsche Berührungspunkte in der Romantik. Der lupenreinen Klangschönheit des tschechischen Chores setzt Kerstin Behnkes „Berliner Capella“ schwierige chromatische Gesänge Franz Schrekers entgegen.

Mit Bedrich Antonín Wiedemanns „Humoreske“ zeigt Martin Maxmilian Kaiser in farbiger Nuancierung, wie die romantische Orgel in Terezín nach der Restaurierung wieder klingen könnte. Dem etwas harmlosen Ausblick ins Zeitgenössische geht mit Pendereckis „Capriccio“ eine Modernität voraus, in der Jacob Spahn auch fulminant den Schmerz des Vergangenen erwecken kann. Isabel Herzfeld

JAZZ

Wehmut und Wut:

Miguel Zenón im A-Trane

Er nennt sie gern die George Gershwins, Cole Porters und Jerome Kerns der puertorikanischen Musik. Der in New York lebende Saxofonist Miguel Zenón hat die Stücke von Bobby Capó, Tite Curet Alonso, Pedro Flores, Rafael Hernández und Sylvia Rexach für sein Album „Alma Adentro: The Puerto Rican Songbook“ in zerbrechliche Arrangements für den zeitgenössischen Jazz übersetzt. Bei seinem Berliner Konzert stellte er sie nun mit seinem brillanten Quartett vor. Pianist Luis Perdomo, Schlagzeuger Henry Cole und Bassist Hans Glawischnig verleihen den Liedern eine poetische Dichte, über die sich Zenóns singendes Altsaxofon erhebt. Dass seine Interpretationen auch ohne Gesang funktionieren, spricht für seine feinsinnigen Reharmonisierungen.

Der 35-Jährige und sein Landsmann Cole wuchsen mit diesen Liedern auf, ihr Wechselspiel von Struktur und Improvisation korrespondiert nun mit den Texten. Während die Melodie in ihrer lyrischen Qualität erhalten bleibt, türmen sich aggressive Rhythmen auf. Der CD-Titelsong „Alma Adentro“ ist das Eröffnungsstück des Abends, eine herzzerreißende Melodie, die Sylvia Rexach schrieb, nachdem ihr Bruder bei einem Autounfall ums Leben kam. Die Band übersetzt sie in stimmig kontrollierte Klangwellen, die die Spannung zwischen Wehmut und Wut aushalten müssen. Christian Broecking.

KLASSIK

Krieg und Frieden: die Staatskapelle St. Petersburg im Konzerthaus

Es müssen nicht immer runde Jahrestage sein: Am 8. Mai vor 67 Jahren kapitulierte die Wehrmacht, Anlass für die Staatskapelle St. Petersburg, im Konzerthaus aufzutreten, zum ersten Mal. Die Gäste kommen aus einer Stadt, der die Deutschen zwischen 1941 und 1944 Fürchterliches angetan haben.

Leningrad, die Stadt der Blockade, hatte schon immer ein hochrangiges Konservatorium. Mit Tschaikowsky und Rachmaninow studierten zwei der drei Komponisten des Berliner Abends dort, ebenso wie Alexander Chernushenko, Leiter der Staatskapelle seit ihrer Neugründung 1991, und einer der beiden Solisten. Arkadi Zenzipér bemüht sich in Rachmaninows 2. Klavierkonzert um Leichtfüßigkeit und perlende Läufe, hat jedoch einen schweren Stand gegenüber dem Orchester, das mit Feuereifer romantische Sahne der höchsten Rahmstufe anrührt. Verträumt gibt sich der Tscheche Vladimír Bukac an der Bratsche in Bohuslav Martinus Rhapsody-Concerto von 1952. In Tschaikowskys trotziger 4. Symphonie spielt die Staatskapelle schließlich alleine auf: sämig und satt der Streicherklang, erfrischend schlank das Holz, schade nur, dass das Blech sich zunächst nicht zu disziplinieren weiß. Aber im nachtschattenartig gezupften dritten Satz und im Finale kennen alle Stimmgruppen ihre Plätze, der Abend klingt in triumphaler Balance aus. Udo Badelt

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