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KLASSIK

Gut verbeugt: Die 12 Cellisten

in der Philharmonie

Wenn eine Weltklasseformation ihren 40. Geburtstag feiert, wäre das ein würdiger Anlass, über die Stränge zu schlagen – oder aber Gelegenheit, sich artig vor seinem Publikum zu verneigen. Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker entscheiden sich bei ihrem Jubiläumskonzert in der Philharmonie für Letzteres. Festlich funkelt’s im lange ausverkauften Saal, Kameras sausen an langen Kränen durch die Luft, um das Ereignis für die Nachwelt zu dokumentieren. Gestartet 1972 in Salzburg mit nur einem Stück auf dem Pult, verfügen die 12 Cellisten längst über ein pralles Repertoire von Originalkompositionen und originellen Bearbeitungen für ein Dutzend neugieriger Kniegeiger. Seit 2006 ist kein Gründungsmitglied mehr dabei, seit 2007 zunächst eine, seit 2009 gar eine zweite Frau.

Vieles ändert sich in der klingenden Welt, doch es bleibt der luxuriöse, Genres traumwandlerisch überschreitende Klang der 12 Cellisten, der nur anschwellen kann, wenn die Philharmoniker weder proben noch auftreten. Simon Rattle will in den Jubilaren gar die humorvollen Urväter der Piraten erkannt haben. Doch die Enterhaken bleiben an diesem Abend in der Garderobe, und das Plündern einer ruhmreichen Vergangenheit lässt das Programm etwas gilb erscheinen. Gäste geben sich die Ehre: Annette Dasch genießt die feine Begleitung und schraubt mit Ravel Vokalisen in die Luft. Till Brönner schaut zu „Around Midnight“ mal vorbei, ein forderndes Arrangement für die 12 Virtuosen hat er leider nicht dabei. Nach vielen Zugaben und dem finalen „Yesterday“ werden die Gründungsmitglieder auf die Bühne gebeten. Sie lachen befreiter als ihre aktuellen Kollegen im Dienst der gehobenen Unterhaltung. Nachschlag gefällig? Am 21. Mai, 19 Uhr, liest Klaus Wallendorf aus „Immer Ärger mit dem Cello“, spielt auf seinem Waldhorn und wird von vier der 12 Cellisten begleitet (bei Dussmann). Ulrich Amling

SOUL

Gut gegroovt: Quantic und

Alice Russell im Gretchen

Will Holland gehört seit gut einem Jahrzehnt zu den umtriebigsten und interessantesten britischen Pop-Musikern. Unter dem Namen Quantic hat der Multiinstrumentalist in diversen Formationen Soul,- Jazz,- und Hip-Hop-Platten aufgenommen. Seit 2007 lebt er im kolumbianischen Cali und erforscht Latin-Rhythmen. Zwei Mal hat ihn dort Sängerin Alice Russell besucht. Zusammen mit der Combo Bárbaro nahmen sie das kürzlich erschienene Album „Look Around The Corner“ auf, das Soul mit südamerikanischen Elementen verbindet.

Nun steht Quantic mit bis oben zugeknöpftem rosa Hemd und schwarzem Hütchen in der Mitte der kleinen Bühne des Gretchen. Er spielt Gitarre, gibt die Einsätze und korrigiert ständig den Mischer. Erst als er nach vier Songs ans Mini-Akkordeon wechselt, hellt sich seine Miene auf und er lächelt zu Alice Russell rüber, die gerade eine tolle Version von „Golden Brown“ anstimmt. Die blonde 36-Jährige ist derzeit eine der eindrucksvollsten britischen Blue-Eyed-Soulsängerin, was sie auch an diesem Abend wieder beweist. Von sanft jazziger Intonation bei „I’ll Keep My Light In The Window“ bis hin zum Power-Röhren im Groovemonster „Pushin’ On“ hat sie einfach alles drauf. Wenn die fantastische, fünfköpfige Combo Bárbaro mit Quantic auf einen instrumentalen Cumbia-Trip geht, begnügt sie sich auch mal damit, im Hintergrund eine Glocke zu schlagen. Die Show übernimmt dann der kleine Percussionist im Tigerhemd, der sogar ins Publikum hüpft. Beim extra langen „Take Your Time“ spielt die Band ihren ganzen unfassbaren Variantenreichtum aus. Zum Finale mit „Su Suzy“, „Pushin’ On“ und „Look Around The Corner“ mischt sich dann auch wieder Russell prominent ins Geschehen. Diese 100 durchtanzten Glücksminuten werden die Gretchenbesucher sicher lange in Erinnerung behalten. Nadine Lange

KUNST

Gut gekleckst: Flecken-Ausstellung im Projektraum Lage

Die, die in wieder rausbekommen müssen, wünschten sich, er wäre nie passiert. Der Fleck. Viele Künstler hingegen verehren Flecken. Wie Francis Picabia, sie mit Jungfrauen verglich, wegen der Unwiederholbarkeit. Oder Jackson Pollock und seine Action-Paintings, unkontrolliertes Getröpfel und Gespritze auf Leinwand. Die Gruppenausstellung „Flecken/Stains/Taches“ Projektraum Lage kostet die Vielfalt dieses Themas aus (bis 26. Mai, Danziger Str. 145, Do-Sa 16-19 Uhr). Kurator Peter Funken hatte die Idee bereits 1996 in einer Schau realisiert und legt nun mit neuen Künstlern nach. Flecken faszinieren. Weil sie zufällig und abstrakt sind. Weil sie immer wieder für das Unbewusste herhalten müssen. Weil sie den Betrachter animieren, in ihnen Figürliches zu entdecken. Flecken können trotz ihrer unförmigen Umrisse sogar markante Zeichen werden. Dank Gereon Inger darf der Besucher berühmt gewordene Kleckse von Friedrich Schiller bis Gustave Doré auf Papier stempeln. Robert Morris schafft in seiner Lithographie aus schwarzen Fingerabdrücken Landschaften. Besonders beeindruckend ist das Werk der Berliner Bildhauerin Richarda Mieths alias Rica Reich, die Pigmentflecken auf ihrem Dekolletee wie ferne Inseln erforscht und immer wieder neu kartographiert. Und erst der Rotwein. Andreas A. Koch hat eine Fleckenmaschine gebaut: Aus einem Tropf rinnt stetig blutroter Rotwein. Seine Landung ist sanft, er wird von einem Becken aus Salz aufgefangen. Anna Pataczek

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