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POP

Flatternde Hosenbeine:

The Rapture im Lido

„Release the Bassdrum!“, brüllte H. P. Baxxter neulich beim Auftritt seiner Kirmestechnoband Scooter, was aber dann von der Festplatte kam, war nicht annähernd so druckvoll wie das, was Drummer Vito Roccoforte ins ausverkaufte Lido hämmert. Seine elefantösen Kicks bei „In The Grace Of Your Love“, dem Titelstück der letzten Platte von The Rapture, lassen die Hosenbeine flattern – grandioser Auftakt eines hochinteressanten Konzerts.

Zu beobachten ist ein Umbruch, der sich auch im Publikum zeigt. Da finden sich neben Indie-Hipstern gepiercte Glatzköpfe, die man eher im Berghain vermuten würde. The Rapture sind dabei, sich von einer tanzflächenkompatiblen Rockband zu einem semielektronischen Club-Act mit Rock-Reminiszenzen zu wandeln. Das führt bei neuen Stücken wie „Come Back To Me“ oder „Children“ dazu, dass der quirlige Luke Jenner seine Gitarre am Verstärker parkt und tanzt. Noch aber besteht das Repertoire zu zwei Dritteln aus dem bewährten Disco-Postpunk, mit dem die New Yorker im vergangenen Jahrzehnt für Furore sorgten. Und es ist immer noch toll, wenn Jenner mit hysterischer Stimme und splitternden Akkorden durch „House Of Jealous Lovers“ marodiert, während Keyboarder Gabriel Andruzzi eine stoische Kuhglocken-Performance hinlegt. Was für ein schlafender Riese diese Band indes ist, beweist das letzte Lied des 75-Minuten-Auftritts: „How Deep Is Your Love?“ verbindet die Euphorie des Chicago House mit New Yorker Indie-Melancholie – eine überwältigende Hymne, die alle Lager versöhnt. Jörg Wunder

KLASSIK

Herausfordernd: das Quatuor Ebène im Kammermusiksaal

Sie brauchen nicht länger als gut zehn Minuten, um den Kammermusiksaal zum Jubeln zu bringen: Die Musiker des Quatuor Ebène reißen mit ihrem Spiel auch diejenigen Zuhörer mit, die ansonsten eher den kontemplativen Aspekt des Quartettspiels schätzen. Der Eleganz und der Ernsthaftigkeit der jungen Franzosen kann man sich nur schwer verschließen. Wie sich Mozarts Divertimento D-Dur KV 136 unter ihren Händen ohne jede Süßlichkeit entfaltet, wie im Andante eine weltentrückte Tiefe aufschimmert, wie das Presto übermütig dahin schießt – das atmet Esprit. Wie fein Pierre Colombet, Gabriel le Magadure, Mathieu Herzog und Raphael Merlin aufeinander eingeschworen sind, verrät auch ihr zartbitterer Zugang zu Tschaikowskys Streichquartett Nr. 1. Ihr „Allegro giusto“ ist zu geschwind, um auf vordergründige Dramatik abzuzielen und dabei viel zu fein, um auch nur eine Seelenregung zu überspielen. Zwischen Volksmusikelementen und dem intimen Ton der Kammermusik gibt es keinerlei Abbruchkanten: Alles ist Kunst, eine hohe zumal.

Nach dem letzten Ton von Beethovens Streichquartett op. 131 mischen sich in den Jubel vereinzelte Buhrufe – und das Quatuor Ebène verzichtet auf Zugaben, die es sonst gerne aus dem Jazz wählt. Nach diesem Elementarerlebnis in cis- Moll könne man nichts mehr spielen, erklären die Musiker ihrem Publikum, wiederum ebenso elegant wie ernsthaft. Wie recht sie damit haben. Den weiten gedanklichen Spielraum in diesem oft experimentellen Werk halten die Musiker souverän offen. Als ein Zeichen für mangelnde Meinungsbildung sollte man das nicht hören. Eher für einen herausfordernden Geschmack. Ulrich Amling

KUNST

Fetisch Stoff: „Prêt-à-partager“

in der ifa-Galerie

„Looking for women on bike“ das Plakat ruft Städterinnen aus Accra dazu auf, ihre Fahrradmode zu präsentieren – den Bleistiftrock mit langen Gehschlitzen oder das wadenlange Kleid mit Volant. Der Workshop in der ghanaischen Hauptstadt war Teil einer Reihe, die das Institut für Auslandsbeziehungen 2008 in Dakar, Kamerun, startete. Das Motto: Kunst, Mode, Bewegung. Weil in Accra nur wenige Frauen das billige Fortbewegungsmittel Fahrrad benutzen, entwarfen die Teilnehmerinnen Kleider, die Beinfreiheit gewähren. „Pret-à-partager“ – nach einer Tour durch Afrika zeigt die Ausstellung in der ifa-Galerie die Ergebnisse der Projekte nun in Berlin (bis 8. Juli, Linienstr. 139/140, Di - So 14 - 19 Uhr).

Simone Gilges hat in einer schwerelosen Serie die Botschaft der Stoffe fotografiert. Die zerschlissenen Fetzen einer Strandhütte, die vom Wind geblähten Flaggen. Der Modedesigner Ndiaga Diaw entwickelt Gewänder mit strengen Borten, die Tradition und Moderne verbinden. Mamadou Gomis schaut sich die farbigen Fetischbänder an den Armen und Beinen der afrikanischen Ringer an. „Lolo“ Veleko fotografiert die Signale an der Kleidung der Jugendlichen in Dakar, die Schnitte in den Jeans, die Adidas-Tasche um den Hals. Da hat sich längst ein neuer Fetischglaube verbreitet. So lässt diese Ausstellung die Welt schrumpfen und die Fantasie wachsen. Simone Reber

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