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KLASSIK

Auf dem Sprung: Andris Nelsons mit der Staatskapelle im Konzerthaus

Er ist der erste Dirigent, der im verdeckten Orchestergraben des Bayreuther Festspielhauses beim Musizieren sichtbar wird: Eine technische Spiegelung macht es möglich, dass für Augenblicke in der „Lohengrin“-Inszenierung von Neuenfels der junge Andris Nelsons zu beobachten ist. Es sind die weiten Gesten seines Dirigierens, das Verzehrende, Lustvolle, die dieser Ausnahme-Moment festhält, unvergesslich, gegenwärtig, wenn Nelsons nun am Pult eines Berliner Orchesters steht wie hier der Staatskapelle.

Vor seine suggestive „Eroica“ hat das Programm eine halbe Stunde Harrison Birtwistle gesetzt: „Antiphonies“ für Klavier und Orchester gönnen dem famosen Pierre-Laurent Aimard kaum Chancen, mit pianistischer Eigenschaft hervorzutreten. Sein Part ist eingeschweißt in eine Klangdichte britischer Avantgarde, die im Konzerthaus wenig Dank erntet.

Nelsons dirigiert wie ein Verliebter, als ob er die ganze Musik umfassen will. Mit großer Attacke die ersten Schläge der Beethoven-Symphonie, immer auf dem Sprung, Melodien malend, niemals starr, Akzente setzend, als verfertige er die Partitur beim Modellieren. Die Pausen als erfüllte Zeit. Den feinen Tempomodifikationen folgt die Staatskapelle gern, wenn Nelsons das Andante im Finale behütet, um ins Presto zu rennen: Musik zum Hören und Schauen. Sybill Mahlke

KLASSIK

Getänzelt:

Joshua Bell im Kammermusiksaal

Während die Nasenspitze unter den geschlossenen Augen den Tönen ein paar Zentimeter gen Decke folgt, löst sich der rechte Fuß des Geigers tänzerisch vom Podium, der Drehung des Körpers nachgebend, die den Abstrich des Bogens auffängt. Wer Joshua Bell in dieser Pose liebt, kommt im Kammermusiksaal auf seine Kosten, denn sie gehört zu seinen bevorzugten Haltungen. Mit ihr und dem dazugehörigen leidenschaftlich vibrierenden Ton verleiht er Mendelssohns wenig gespielter F-Dur-Sonate an vielen Stellen die Aura des berühmteren Violinkonzerts. Mit ihr provoziert er auch in Griegs 2. Violinsonate zum Zwischenapplaus und begleitet den Eintritt des Themas in César Francks großer A-Dur-Sonate.

Hört man auf Bells Klavierbegleiter Jeremy Denk, dann bemerkt man, wie sehr Bell in einem beschränkten Repertoire von gestern gefangen ist. Während bei ihm jedes Forte nach Violinkonzert klingt, macht Denk Kammermusik, strukturiert das Material, baut Klangbrücken zwischen symphonischem und intimem Sound und zeigt, wie viele Facetten Francks Sonate hat. Manchmal, im Piano, geht Bell auf seinen Partner ein – dann entsteht Kammermusik. Auf knackigere Rhythmen wie etwa in George Gershwins „Three Preludes“ weiß er jedoch nicht zu antworten. Carsten Niemann

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