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KLASSIK

Fassgereift: Die St. Petersburger Philharmoniker in der Philharmonie

Yuri Temirkanov und die St. Petersburger Philharmoniker sind eine verschworene Gemeinschaft. Bald ein Vierteljahrhundert lang prägt der Dirigent den Klang des Orchesters, zusammen tragen sie ihn auf Tourneen in die Welt. Ein sachter Wink des Chefs genügt und die St. Petersburger beginnen zu wogen, dunkel und rund wie ein viele Jahre fassgereifter Whisky.

Die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihren Ton in der Philharmonie sofort treffen, ist frappierend. Anatol Ljadows Volkslegende für Orchester, „Kikimora“, dient diesen mit allen Wassern der Newa gewaschenen Musikern nicht zum Warmspielen, obwohl der irrlichternde Spuk des Rimskij-Korsakow-Schülers dafür bestens geeignet wäre. Die schmächtige Märchenfigur mit der Lust auf Böses lockt sie aber auch nicht aus ihrer wohlklingenden Reserve.

Das muss auch Julia Fischer erleben, die mit den St. Petersburgern auf Tour ist und dabei abwechselnd die Violinkonzerte von Mendelssohn und – wie in Berlin – Sibelius spielt. Temirkanov schmunzelt zufrieden ins Orchester, während die wunderbare Geigerin Impulse in seine Richtung sendet, mit wachsender Verzweiflung und daraus resultierenden leichten Unsicherheiten. Liegt Whisky zu lange in den Fässern, kann er seine Frische, seine Würze verlieren. Eine Idee davon bekommt man bei der ausgetüftelten Lesart von Dvoraks Sinfonie „Aus der neuen Welt“. Temirkanov streichelt Klangmassen, er stellt sie nicht infrage. Es scheint, als hätte man diese Interpretation schon immer gehört – und war doch nie dabei, als sie entstanden ist. Eine Kränkung auf hohem Niveau. Ulrich Amling

JAZZ

Daumenarbeiter:

Marcus Miller im A-Trane

Alle Achtung, dass es Sedal Sardan gelang, den großen Marcus Miller in seinen kleinen feinen Jazzclub zu lotsen. Detroit Gary Wiggins kümmert sich am Einlass um einen dezent zügigen Ablauf, und dann steigt Till Brönner auf die Bühne, um den einen der drei noch lebenden Jazzstars anzukündigen, denen es gelungen sei, ein großes Publikum für ihre Musik zu erreichen. Mit dem Freddie-Hubbard-Klassiker „Mr. Clean“ demonstriert Miller gleich zu Beginn Traditionsstärke und wie groß sein Anteil am Miles-Davis-Sound der achtziger Jahre war.

Im Zentrum stehen Millers satte E-Bass- Grooves und die von ihm perfektionierte Slap-Technik, bei der er durch das Anschlagen der Saiten mit dem Daumen perkussive Klänge erzeugt. Miller hat ein hochmotiviertes junges Sextett dabei, mit dem er auch seine bald erscheinende CD „Redemption“ aufgenommen hat. Trompeter Maurice Brown, der jüngst mit der Tedeschi Trucks Band den Grammy für das beste Blues-Album erhalten hat, glänzt mit schnellen und hohen Tönen und einer energiegeladenen Tanzperformance. „Detroit“ und „Dr. Jekyll & Mr. Hide“ sind zwei auch im Konzert gut funktionierende Titel der neuen CD, bei denen Miller die Balance zwischen urbaner Tanz- und schwarzer Improvisationsmusik inszeniert. Leichte Irritationen gibt es nur, als Miller auf der Bassklarinette die Smooth-Jazz-Schiene bediente. Eine gravierende Interpretation von „Take The ,A’ Train“ als Zugabe feierte zu Recht den Ort des Geschehens. Christian Broecking

KLASSIK

Fadenfein: Das Gewandhausorchester und Hélène Grimaud im Konzerthaus

Das Berlin-Gastspiel des Gewandhausorchesters beginnt mit erlesenem Krach: An Maurice Ravels G-Dur-Klavierkonzert interessiert Riccardo Chailly vor allem das Jazzige, Bürgerschreckhafte, die Provokation. Weil der italienische Maestro aber ein Feingeist ist und seine Leipziger Musiker Tonkünstler, wahrt die pointierte Interpretation in jedem Moment die Contenance. Dass Hélène Grimaud zwar extrem treffsicher auftritt, es aber gar nicht auf Solistenbrillanz anlegt, führt dazu, dass die Französin weitgehend im vielfarbig funkelnden Orchesterklang verschwindet. Das Stück mutiert zur Tondichtung mit obligatem Klavier. Merkwürdig quer zu ihrem emotionsreduzierten Spiel steht die Art, mit der Grimaud lasziv den Kopf zurückwirft, Stöhnlaute ausstößt, die bis zum 2. Rang des Konzerthauses hinaufdringen. „Harry und Sally“ lässt grüßen: Ich nehme dasselbe, was die Frau am Piano hatte.

Nach der Pause dann Mahlers Vierte, ein Paradestück Chaillys. Wie er mit liebevoller Gestik die ihm so vertraute Musik modelliert, souverän auf tausend raffinierte Details hinweist, wie er die orchestralen Massen an- und abschwellen lässt, das ist perfekt. Fast schon zu perfekt. Am nachhaltigsten prägt sich von diesem Abend darum der kostbare Streicherklang des Gewandhausorchesters ein, ungemein präsent selbst im fadenfeinen Pianissimo, kompakt, konzentriert, seidenmatt. „Res severa verum gaudium“ lautet der Wahlspruch des 1743 gegründeten Orchesters: Eine ernste Sache ist eine wahre Freude. Diesen Traditionalisten mag man’s gerne glauben. Frederik Hanssen

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