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ROCK

Songs aus der Karl-Marx-Allee:

Billy Bragg im Heimathafen Neukölln
Karl- Marx-Straße, die Adresse gefällt Billy Bragg. Dort steht der 54-jährige englische Musiker und Politaktivist in rot kariertem Hemd und drahtigem Bürstenhaarschnitt auf der Bühne im Heimathafen Neukölln. Heute wieder ganz allein. Nach früheren Auftritten mit Band ist er zurückgekehrt zu seinen Wurzeln als eine Art Einmann-Version seiner einstigen Lieblingsband The Clash. Er hämmert verzerrte Punk-Akkorde in eine elektrische Gitarre und singt mit charmantem Cockney-Akzent eine feine Auswahl seiner Songs der letzten 30 Jahre.

Diese betörende Mischung von „pop and politics“, von zornigen Sozialkommentaren und rührend romantischen Balladen. „The world turned upside down“ – man staunt, wie viele den Text des Arbeiterliedes des englischen Folksängers Leon Rosselson mitsingen können. Oder Braggs „To Have And To Have Not“ von seinem Debütalbum aus dem Jahr 1983. Immer sind seine Sympathien bei den „kleinen Leuten“, den Benachteiligten, den Verlierern. Er plädiert für gute Bildung, Arbeitsplätze, gerechten Lohn, bezahlbare Mieten, ausreichende medizinische Versorgung. Er ballt die Faust zur Gewerkschaftshymne von Joe Hill „There is power in a union“. Ja, etliche seiner Songs kämen wohl tatsächlich von der Karl-Marx- Straße, sagt der Sänger lachend, andere vielleicht eher von der Woody-Guthrie- Street. Bragg ist kein verbiesterter Agitator. Es ist sein umwerfender Humor, der seine Auftritte so besonders und so vergnüglich macht. H. P. Daniels

KLASSIK

Die Hunnen kommen: die Berliner Operngruppe im Radialsystem

Der frühe Verdi ist ein Faszinosum – ein Laboratorium der Kräfte, eine Spirale aus Scheitern und Erfolg. Und damit hervorragend geeignet für die Berliner Operngruppe, in der unter der Leitung von Felix Krieger jährlich Laien und Profis zusammenkommen. Gerade abseitige, schwierige, vergessene Stücke sind ihre Chance. Nach „Oberto“, Verdis erster Oper, jetzt also „Attila“, entstanden 1946 mitten in den „Galeerenjahren“ und ein typisches Werk des Risorgimento: Der Hunnenkönig bedroht das italienische Heimatland und wird von einer tapferen Frau ermordet. Dass hier Laien am Werk sind, hört man während der konzertanten Aufführung im Radialsystem am ehesten im Chor (Leitung: David Cavelius), es fehlt an Entschlossenheit und Klangmut, die Einsätze kommen unsauber. Auch dem Orchester mangelt es gelegentlich an Flexibilität und Schärfe, insgesamt aber liefert es eine achtbare Leistung, vor allem die leuchtenden hohen Streicher (Stimmführer: Sergej Bolkhovets).

Das Rückgrat der Aufführung bilden die professionellen Solisten: Elena Lo Forte mit (in der Höhe scharfem) Power-Sopran, Mario Malagnini mit gestandenem Tenorbalsam, Robert Hyman mit raumflutendem Bariton. Und in der Titelrolle der bewährte Francesco Ellero d’Artegna, der den Hunnenkönig mit dunkel raunendem Bass singt und für Jubel beim Publikum sorgt. Verdi hat in „Attila“ noch keine überzeugende Balance zwischen politischem Drama und intimer Personenzeichnung gefunden, die meisten Figuren bleiben Schablonen, bis auf Attila selbst. Der wird in der anrührenden Interpretation von d’Artegna zum Menschen. Udo Badelt

KLASSIK

Naturgewalt: Patricia Kopatchinskaja und die Staatskapelle

Für das zweite Klima- und Benefizkonzert der Stiftung Naturton hat die moldawische Geigerin Patricia Kopatchinskaja ein intelligentes und suggestives Programm komponiert: Im Wechsel von Streichquartett- und Bläserquintettsätzen von Ligeti und Kurtág erlebt man Entstehung und Zerfall der Tonalität, zwischen Perkussivem von Xenakis und Folkloristischem von Bartók scheinen gerade die jüngsten Kompositionen die ältesten Erfahrungen von Klang und Rhythmus aufzuwühlen. So aufgeladen wie nach dieser Séance mit der Staatskapelle hat man noch nie die Paukenschläge aus Beethovens Violinkonzert gehört, das nach der Pause folgt; eine so eigenwillige und riskante Interpretation des Soloparts allerdings auch noch nicht.

Gegen das sanft gehügelte Naturbild konventioneller Deutungen entwirft die Geigerin eine Kraterlandschaft. Erinnert das Passagenwerk des Stücks in braveren Händen oft an Etüdenfleiß, spielt die Geigerin mit jeder Tonleiter um ihr Leben. Dabei gehört Kopatchinskaja nicht zu den Interpreten, die handwerkliche Beschränkungen durch übertriebenen Ausdruckswillen kaschieren: Technisch ist sie jederzeit in der Lage, ihre Absichten in die Tat umzusetzen. Das Klangspektrum von geborstenen, abgerissenen, geflüsterten, grellen, zwitschernden und auch einfach schönen Tönen ist außerordentlich.

Natürlich: Die (Über)Belichtung jedes einzelnen Moments geht auf Kosten der Struktur, oft weiß man nicht, wo im Stück man sich gerade befindet. Aber die Energie Kopatchinskajas ist entwaffnend. Der junge Dirigent Pablo Heras-Casado und die Staatskapelle folgen der Solistin tapfer. Und mit den Erlösen des Ereignisses wird ein Umweltprojekt in Moldawien unterstützt. Benedikt von Bernstorff

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