KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von , , und

KLASSIK

Frei: das Emerson String Quartet

im Kammermusiksaal

Brückentag und Kammermusik, eigentlich eine tödliche Mischung. Der Saal ist trotzdem ausverkauft, als das Emerson String Quartet Beethoven, Rihm, Barber und Dvorák spielt. Einmal quer durch die Geschichte des Genres mit einem der bekanntesten Streichquartette der Welt, dazu eine Herangehensweise, die nicht anders als „unverblümt“ zu nennen ist, das dürfte die magische Formel in etwa beschreiben. Die Emersons spielen Beethovens letztes Streichquartett op. 135, und sie tun dies ohne die sattsam bekannten Strategien des Vergeheimnissens, stattdessen offenherzig, mit einem frischen Timbre, in das die dunkel getönten Wortmeldungen von David Finckels Cello auf charakteristische Weise hineinbumpern: Das Lento schwebt nicht, sondern brummt ein, der Allegroteil im Finale wird klingen wie ein Ritt über die Prärie.

Apropos. Das „amerikanische“ Quartett von Dvorák, das in Wirklichkeit höchstens Spurenelemente der Musik der Ureinwohner enthält, haben die Emersons natürlich auch im Gepäck, und auch hier beeindruckt ihre Bodenhaftung, überrascht die Spannung, mit der sie Sanglichkeit des zweiten, langsamen Satzes konterkarieren, und die heitere Nähe zum Fiddlertum im vierten.

Es gehört Mut dazu, die eigene Virtuosität nicht als Monstranz für ein Allerhöchstes zu gebrauchen; dass den Emersons auch das zu Gebote stünde, dass sie unversehens nach heiligem Streichergesang klingen können, zeigt ihre wunderbare Interpretation eines „Molto adagio“-Satzes von Samuel Barber. Christiane Tewinkel

KUNST

Die Zeit ist ein seltsam Ding:

Li Triebs „Archiv der Augenblicke“

Abertausende ineinander verschachtelte Eiskristalle verschmelzen zu einer fantastischen Eiswüste. Zerklüftet, scharfkantig und doch ohne eine einzige sichtbare Linie. Im Licht einer diffusen Quelle changieren die Schollen in unzähligen Grau- und Weißschattierungen. Was auf den ersten Blick wie ein Foto wirkt, ist eine Bleistiftzeichnung. 42068 Minuten hat die Schweizer Künstlerin Li Trieb dafür gebraucht – was für ein Kontrast zum Titel ihrer Ausstellung im Haus am Lützowplatz: „Archiv der Augenblicke“ (bis 3. 6., Lützowplatz 9, Di–So 11–18 Uhr). Li Trieb schafft die Illusion einer Momentaufnahme, denn die zerklüfteten Eislandschaften hat es so nie gegeben: Sie sind eine Komposition aus Fotos, die die Künstlerin von der vereisten Elbe aufgenommen hat. Auf der Rückseite jedes Bildes hat Li Trieb die Zeichenzeit addiert. Minutiös dokumentiert sie die Stunden, Tage, Monate, die sie benötigt, um einen Augenblick festzuhalten.

Ihr „Archiv“ begann sie im Januar 2000, als sie sich eigentlich von Bildern abgewandt hatte. „Wozu noch malen, wenn ein Wort ausreicht, um ein Bild zu schaffen?“ Sie notiert jeden Tag bis zum 31.12.2011 die Zeit ihres Erwachens und die Farbe des Himmels – von „taubenkotgrau“ bis zu „apfelschimmelgefleckt“. Bereits im Dezember 2000 beginnt sie, die passenden Wolkenbilder mit Pastellkreide zu zeichnen, später folgen die Bleistiftzeichnungen. Von den Bildern konnte sie dann doch nicht lassen – zum Glück. Annika Brockschmidt

KUNST

Realitätsnah: Naturzeichnungen

im Museum für Asiatische Kunst

Marderhunde sind nachtaktive Tiere: Mochizuki Kinpô muss sie darum nächtens studiert haben, bevor er 1915 sein Vollmond-Bild mit Tusche auf Seide bannte. Auf solche Details wird der Besucher der Ausstellung „Fasziniert von der Natur“ im Museum für Asiatische Kunst in Dahlem gestoßen (Lansstraße 8, bis 5. August, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr. Katalog 29,95 €). Denn die hier versammelten 60 Bilder japanischer und chinesischer Maler aus dem 18. bis 20. Jahrhundert sind eine Schenkung des Wissenschaftlerpaares Josefina Ogando und Dietrich Neumann. Die beiden Biologen sind fasziniert von der Beobachtungsgabe der ostasiatischen Zeichner und teilen deren Begeisterung für die Schönheit der Natur.

Beim Sammeln waren sie streng: Es wurden nur Werke gekauft, die aus biologischer Sicht stimmig sind und gleichzeitig kompositorisch und handwerklich überzeugen. Da strebt ein Bambusrohr mit nur einem einzigen, durchgezogenen, mutigen Strich nach oben, großartig reduziert. Im Begleittext schwärmen die Biologen vom rasanten Austreiben der Pflanze im Frühjahr. Ihre naturwissenschaftlichen und liebevollen Kommentare heben die ästhetische Qualität der traditionellen Pflanzen- und Tiermalerei nur um so mehr hervor. Anna Pataczek

KLASSIK

Fehl & Tadel: Gabriela Montero beim Orchester der Komischen Oper

Wenn Musiker über ihre sogenannten „Alleinstellungsmerkmale“ beworben werden, erlebt man im Konzert oft bloß, was man schon erwartet hatte – und hat dann eigentlich gar nichts erlebt. Gabriela Montero gilt als Pianistin, die in jedem beliebigen Stil über jedes beliebige Thema improvisieren kann. Sie macht das auch wirklich sehr virtuos. Es irritiert aber, wie brav sich die aus dem Saal zugesungenen Schubertmelodien in ihr Schicksal ergeben und einmal unverbindlich romantisch, dann à la Bach und schließlich aufgejazzt der Fangemeinde unterbreitet werden.

Auch in Rachmaninoffs 2. Klavierkonzert kommen Montero und das Orchester der Komischen Oper unter Patrick Lange nicht über das Erwartbare hinaus. Man hangelt sich von schöner Stelle zu schöner Stelle, als stimmte das böse Vorurteil, dem Komponisten sei dazwischen nicht viel eingefallen.Das Orchester und sein Chef haben in den letzten Spielzeiten eine enorme stilistische Flexibilität gezeigt, ausgerechnet Beethovens Fünfte klingt aber nun eher pauschal und in der nicht idealen Akustik des Saales etwas stumpf. Im ersten Satz wird manches verstolpert, die Schönheiten des Andante leuchten nicht und nach eindrucksvoll ausmusizierter Überleitung strebt das Finale allzu entschlossen seinem Ende entgegen. Benedikt von Bernstorff

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben