KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Christian Broecking

JAZZ UND HIP-HOP

Meditative Dichte: Robert Glasper Experiment im Festsaal Kreuzberg

So viele Vorschusslorbeeren, so viel mediale Aufmerksamkeit gab es lange nicht für einen Jazzmusiker. Dass dennoch bei der Berlinpremiere von Robert Glaspers neuem Album „Black Radio“ im Festsaal Kreuzberg Platz für mehr Publikum gewesen wäre, mag mit schlechtem Timing zu tun haben: Das Champions-League-Finale findet am gleichen Abend statt.

Die vielen Gaststars der CD – von Bilal bis Erykah Badu – fehlen ebenso wie der Originalschlagzeuger Chris Dave. Neben Pianist Glasper spielt in seiner Band Experiment der Saxofonist Casey Benjamin die Hauptrolle, er bedient den Syntheziser und ihm fallen mithilfe des Vocoders alle Gesangsparts zu. Dass das Konzert mit einer Hip-Hop-Version von John Coltranes Klassiker „A Love Supreme“ beginnt, ist eine gute Wahl. Sie kündet von der meditativen Dichte, die Glasper mit seiner Musik anstrebt. Und das lautstarke Saxofonsolo im Anschluss, von Benjamin in afroamerikanischer Free-Music-Tradition großartig gespielt, signalisiert beispielhaft, wie sehr es dieser Band gelungen ist, Hip-Hop, Jazz und Soul zu integrieren. Doch bereits als Glasper sein erstes Solo auf dem Fender Rhodes spielt, stellt sich unerwartet ein, was er vermeiden wollte: Langeweile. Wenn die fetten Beats im Hintergrund versinken, die Soli länger und länger werden und der synthetische Gesang immer nerviger, dann klingt dieses Experiment wie gescheitert. Christian Broecking

BLUES

Eruptive Freude: Andre Williams

im Bassy

75 Jahre alt und keinen Arsch in der Hose, aber in unzweideutiger Weise „Let Me Put It In“ brüllen, als gäbe es kein Morgen. Das kann nur Andre Williams sein, der schmierigste Sänger diesseits von Inzucht, der bereits in den Fünfzigern mit „Jail Bait“ einen schlüpfrigen Hit über Sex mit Minderjährigen landen konnte, in den Sechzigern Songs für Stevie Wonder und Ike & Tina Turner produzierte und zwischenzeitlich crackrauchend in der Gosse landete, bevor er in den späten Neunzigern vom Bluessprengmeister Jon Spencer daran erinnert wurde, wie nett ein schmuddeliges Bühnenleben doch sein kann. Seitdem hat er mehr Platten aufgenommen als in den vierzig Jahren zuvor. Unfassbar heute, der Meister. Suhlt sich in ergreifenden Parodien von Doo-Wop-Raunen, Honky-Tonk- Country-Pathos und soulmäßigem Blubbern und Glucksen. Schmeißt sich mit breitem Lächeln an die Ladies ran und singt mit wattegestopfter Stimme. Manchmal klingt er aber auch wie ein zahnloser Kettenraucher, der einem nach einem Sprint zur U-Bahn etwas unglaublich Wichtiges mitzuteilen hat. Dann wieder erschreckend eruptiv. Ekstase, Leute! Da steht der „Duke of Bad-Ass“ und spielt seine verdiente Rente ein. Seine Fans sind jung. Jung geblieben und jung an Jahren. Ist das nicht schön? Volker Lüke

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