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KLASSIK

Im Kleinformat: Das Ensemble Mini

im Kammermusiksaal

Große Werke im intimen Rahmen vorzuführen ist das Anliegen des „ensemble mini“, einer Formation junger Musiker aus internationalen Spitzenorchestern unter der Leitung von Joolz Gale. Orchestermusik wird dazu kammermusikalisch eingedampft, um Strukturen freizulegen, die häufig durch Klangmassen und Überwältigungspathos verdeckt werden. In der Konzertreihe „mini-Mahler“ stehen neben dem Komponisten der „Sinfonie der Tausend“ auch Zeitgenossen wie Arnold Schönberg oder Franz Schreker, so dass ein Panorama der Zeit um 1900 entsteht.

Dass im Kammermusiksaal der Klangfarbenreichtum der großen Sinfonik erhalten bleibt, ist der Intensität des Spiels geschuldet, zu der Joolz Gale anfeuert. Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“ in der Fassung von Eberhard Kloke überzeugen durch den instrumentalen Verschmelzungsgrad, ein sensibler Hintergrund für den anrührenden Gesang des Baritons Gyula Orendt. Die dramatischen Höhenflüge der Sopranistin Sarah-Jane Brandon müssen sich in Alban Bergs „Sieben frühen Liedern“ gegen sehr kompakte Klänge (Arr. de Leeuw) behaupten. Das Akkordeon ist von Schönberg „ausgeliehen“, der Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“ die mediterrane Farbe gibt. Bestechend, wie Bernhard Wulff „Sechs kleine Klavierstücke“ des späteren Zwölftöners in Klarinettengirlanden überführt, während Alexander Prior in seiner uraufgeführten „Fantasie über ein Thema von Mahler“ das Trompetenmotiv aus der Fünften zum Techno-Exzess ausweitet – zur Freude gerade des jungen Publikums.Isabel Herzfeld

KUNST

Im Zirkusrund: Alexander Camaros Bilder aus der Manege

Alexander Camaro war ein Chamäleon – was Gestaltungsform und Ästhetik betrifft. 1901 in Breslau geboren, zog er gleich nach Kriegsende nach Berlin, um als Hochseilartist und Tänzer aufzutreten und als Maler zu reüssieren. Obwohl der Künstler zwei Mal an der Documenta teilnahm und zahlreiche Preise gewann, gerieten seine Werke nach dem Tod 1992 zunehmend in Vergessenheit. Dagegen kämpft nun die Camaro-Stiftung an, die den Nachlass hütet und jüngst das sogenannte Camaro-Haus eröffnet hat. In ihrer ersten Ausstellung zeigt sie Zirkusbilder des Malers, die durchdrungen sind von Camaros eigener Erfahrung als Artist (Potsdamer Str. 98a, bis 14. 8.; Die–Sa 13–17 Uhr). Nebenbei erhält der Besucher Einblick in sein Schaffen: Im Erdgeschoss hängen die figurativen, klein proportionierten Grafiken der Zehnerjahre und in der dritten Etage die voluminösen Leinwände aus den Achtzigern. So zeigt sich auch die Entwicklung von der figurativen Momentaufnahme zur abstrakten Malerei, auch wenn Camaro der Gegenständlichkeit nie ganz entsagt hat. Die Zirkusbilder sind eine Melange: Auf den pastellfarbenen, breit dimensionierten Werken erkennt man zwar die Umrisse der Harlekins und Trapezkünstler, Zauberer und Clowns, doch die Gesichter bleiben vielsagend leer. Betörende Leichtigkeit schlägt plötzlich in tieftraurige Melancholie um. Tomasz Kurianowicz

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