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von

RETROPOP

Cha-Cha-Charme: Pink Martini

im Nikolaisaal Potsdam

Wenn Thomas Lauderdale, dem musikalischen Kopf von „Pink Marini“, eine vierhändige Komposition von Franz Schubert gefällt, dann kann sich daraus schnell eine heiße Latin-Nummer entwickeln. Oder ein Stück Bigband-Swing. Beim Stopp in Potsdam auf ihrer Eurasientournee führen die amerikanischen Retropopper eindrücklich vor, wie ihre Assoziationskunst funktioniert. Über das Harmonie-Gerüst der old-europe-Klassiker legen sie ganz lässig scheinbar konträre Stil-Schichten, bis ein knallbunter, berauschender Cocktail entsteht: ein Pink Martini eben, einmal gerührt, einmal geschüttelt.

Seit 1994 gibt es die polyglotte Truppe um den Pianoflüsterer Lauderdale. Die in Portland, Oregon, beheimateten Musiker haben es sich zur Aufgabe gemacht, die weltoffene Seite der Vielvölkernation USA zu repräsentieren. Am Sonntag wird im ausverkauften Nikolaisaal russisch und japanisch gesungen, außerdem italienisch, französisch, englisch, es gibt Romantisch-Rumänisches und Kroatisches mit melancholischem Cellosolo. Am meisten aber lieben Pink Martini südamerikanische Beats: Rumba folgt auf Samba folgt auf Bossa Nova, dargeboten mit viel Cha-Cha-Charme. Timothy Nisahimoto hat den angemessen lockeren Hüftschwung dafür, wenn er beim Singen auf seiner feuerroten Guiro den Rhythmus ratscht. Die Bewegungschoreografie seiner Sangeskollegin – die auf den treffenden Namen Storm Large hört – fällt dagegen bereits in den Zuständigkeitsbereich der Jugendschutzgesetzgebung.

Was Max Raabe und sein Palast Orchester für das Repertoire der Goldenen Zwanziger sind – nämlich die denkbar eloquentesten Anwälte –, sind Pink Martini für den prächtigen Popsound der sechziger Jahre. So eine Band möchte man seinen Freunden für eine sommerliche Hochzeitsfeier engagieren. Dann müsste man auch nicht den ganzen Abend brav still sitzen, sondern dürfte gleich von Anfang an mittanzen. Frederik Hanssen

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