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KLASSIK

Klanggewitter: Spectrum Concerts im Kammermusiksaal

Pausensekt gefällig? Oh, nein danke, bloß nicht! Denn wie Janine Jansen, Boris Brovtsyn, Maxim Rysanov, Amihai Grosz, Torleif Thedéen und Jens Peter Maintz gerade eben die „Verklärte Nacht“ von Schönberg hingelegt haben, lässt den Schluss zu, dass auch ihre Darbietung von Schuberts C-Dur-Quintett eine Aufmerksamkeit von 0,0 Promille verdienen wird – berauscht ist man ohnehin. Dabei lagert über diesem Nachtstück durchaus nicht die spätromantische Schwüle, die gerne mit dem frühen Schönberg in Verbindung gebracht wird. Ohne Stück und Harmonie Gewalt anzutun, musizieren die sechs Streicher aus dem grandiosen Team der Spectrum Concerts das Frühwerk vielmehr als ein Stück des Abschieds und erfüllen den Kammermusiksaal mit einer gewittrigen Spannung, die es plausibel erscheinen lässt, dass Schönbergs nächster Schritt zur Atonalität führen würde. Fast schockiert hört man dann bei Schubert die ersten Takte, in denen todesähnliche Ruhe, abgründige Dissonanzen und abgeklärte klassische Melodik in faszinierender Differenzierungskunst in wenigen Sekunden aufeinanderfolgen.

Kann man diese Intensität und Aufmerksamkeit fünfzig Minuten durchhalten, ohne manieriert zu werden oder die Form zu sprengen? Man kann: Wie ein reiches Leben, das aus unzähligen intensiven Momenten zusammengesetzt ist und doch als ein zusammenhängendes Ganzes erscheint, nimmt das Quintett seinen notwendigen Gang. Wobei es nicht nur die Tragik dieses Abschiedswerks ist, sondern oft auch nur das Glück über die in jedem Moment gleichberechtigte, achtsame, leidenschaftliche, tiefe Kommunikation der Musiker untereinander, die einem die Tränen in die Augenwinkel treibt. Carsten Niemann

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