KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Tomasz Kurianowicz
Foto: Harald Schmitt
Foto: Harald SchmittFoto: Harald Schmitt /stern

KLASSIK

Abgekocht:

Der Studio Chor im Konzerthaus

Draußen schwitzt der Gendarmenmarkt, im Konzerthaus ist es kalt. Noch! Auf dem Programm steht Johannes Brahms’ „Ein deutsches Requiem“, das so opulent und in seiner Textur so wortmächtig ist, dass niemand unberührt bleiben dürfte. Jetzt muss nur noch der Studio Chor Berlin in Fahrt kommen, der angesichts der Herausforderung etwas unterkühlt wirkt. Gerade die Frauenstimmen zeigen sich in den Nuancen noch gebremst und gehalten, während die Männer in den Höhen einen Zehntel-Ton zu tief ansetzen.

Das ändert sich, als Daniel Ochoa mit seinem knackigen Bariton aus der Musik ein Feuerwerk zaubert. Jetzt kommt die selige Tiefe des Requiems zum Tragen: „Herr, lehre doch mich, dass ein Ende mit mir haben muss.“ Der Chor lässt sich mitreißen. Die Musik wird intensiver, alle Ketten platzen und man erlebt eine Mischung aus satten Phrasen, die von der Organistin Christina Hanke-Bleidorn würdevoll getragen werden. Dirigent Joachim Geiger peitscht seine Brandenburger Symphoniker ins Finale. Nachdem die Sopranistin Stephanie Petitlaurent den 5. Satz andächtig ausgestaltet hat, folgt ein kochendes Vivace, das ins Mark trifft: „Denn es wird die Posaunen schallen!“ Den Satz darf man wörtlich nehmen. Die Bläser werden selbstbewusster und aggressiver, bis sie feierlich zur Ruhe kommen. Das Ensemble entlässt ein erhitztes Publikum. Tomasz Kurianowicz

FOTOGRAFIE

Ausgepowert: Bilder von

Harald Schmitt im Willy-Brandt-Haus

Schweiß perlt, die Gesichtszüge sind verzerrt, der Mensch ist kaum wiederzuerkennen. Die Anstrengung, die letzte Steigung kurz vor dem Ziel, man kann förmlich spüren, wie die Muskeln brennen und die Lunge pumpt. Vier Bilder, eine Sekunde im Leben des Jan Ullrich auf der Tour de France. Harald Schmitt, sechsfacher Gewinner des World Press Photo Awards, hat diesen Moment zwischen Überanstrengung und Selbstaufgabe festgehalten. Die Sportler, die er als Reporter für den Stern begleitet hat, haben eins gemeinsam: Sie geben alles – Körper, Seele, Gesundheit.

Die Ausstellung im Willy-Brandt-Haus heißt „Von Siegern und Verlierern“, aber es geht Schmitt nicht um den Moment der Ziellinienüberquerung, sondern um die Geschichte hinter Sieg und Niederlage (22.5.– 1.7., Di –So 12–18h, Einlass nur mit Personalausweis). Wie kann ein Mensch so schnell laufen und warum will er es überhaupt? Welche Strapazen muss ein Sportler auf sich nehmen für die paar Minuten, in denen er seine Leistung abrufen kann? Schmitt dokumentiert und hinterfragt auch die Perversion des Sports. Ein Radrennfahrer spielt in seinem Hotel in Mallorca mit seinem iPod. Nichts Ungewöhnliches – bis auf das Sauerstoffzelt, das ihn umgibt, um Höhenluft zu simulieren. Dann gibt es da noch diese seltenen Momente: Ein Dorf in der Nähe der koreanischen Hauptstadt Seoul, eine Frau betet vor einem kleinen Fernseher. Auf dem Bildschirm boxt ihr Sohn bei den Olympischen Spielen – und verliert. Die lebenslange Rente bleibt aus. Sport kann grausam sein. Annika Brockschmidt

0 Kommentare

Neuester Kommentar