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FOTOGRAFIE

Aggressiv: Jorge Molder

in der Guardini Galerie

Der Mensch tritt stumm aus dem Dunkel. Nur anhand seiner Körperhaltung ist zu erkennen, dass er Angst haben muss, aggressiv ist und etwas abzuwehren versucht. Es sind archaische Reaktionen, doch der Mann ist kein Neandertaler – er trägt einen Anzug. In seiner Fotoserie „Die Entstehung der Arten – A Origem das Espécies“ verfolgt der portugiesische Künstler Jorge Molder die Körpersprache der Zivilisation zurück bis zu den Jägern und Sammlern (bis 22. Juni, Guardini Galerie, Askanischer Platz 4, Di - Fr 14 - 19 Uhr).

Jorge Molder hat seine Bilder mehrfach belichtet, und so schält sich durch unscharfe Umrisse langsam die Silhouette des Mannes aus dem Dunkel hervor und entwickelt eine irritierende Plastizität. Der Künstler, Jahrgang 1947, hat Philosophie studiert und Portugal 1999 bei der Biennale in Venedig vertreten. Seine komplexe Ausstellung in der Guardini Galerie ruft Befremden hervor. In dem Film „Vasistas“ führt Molder seinen künstlerischen Ursprung vor Augen. An die Decke projiziert, verdichtet sich das Licht über den Köpfen der Besucher zu einem schwarzen Quadrat. Die Schuhe Molders treten an dessen Rand und springen hinein. Den Aufprall hört man mit Verzögerung. Vasistas ahmt den Klang der deutschen Frage „Was ist das?“ nach. Springt der Künstler in das schwarze Quadrat hinein oder fällt er aus ihm heraus? Im Spiel mit der Absurdität mischt Molder die Gesetze von Logik und Zeit neu. Simone Reber

POP

Verträumt: Beach House

in der Volksbühne

Nicht auszudenken, wenn Victoria Legrand in einer Heavy-Metal-Band spielen würde, wo das Headbangen quasi zur Stellenbeschreibung gehört. Vermutlich würden der 30-jährigen Französin, einer Nichte des berühmten Filmkomponisten Michel Legrand, Scharen von Fans nachreisen, nur um zu sehen, wie sie ihre voluminöse Drei-Engel-für-Charlie-Mähne schüttelt. So aber ist es nur der finale und durchaus untypische Temperamentsausbruch beim Konzert von Beach House. Erst jetzt, nach fast 90 Minuten, hat man in der ausverkauften Volksbühne den Eindruck, dass die kontrollierte, fast wie unter Hypnose stehende Performance des amerikanisch-französischen Trios so etwas wie Leidenschaft zulässt. Immer intensiver, immer schriller deklamiert Victoria Legrand „It’s a strange Paradise / you’ll be waiting“, die zentralen Zeilen des zehnminütigen Schwermutsbrockens „Irene“, während Alex Scally manisch kreiselnde Gitarrenläufe schraffiert und Daniel Franz immer wuchtiger auf sein Schlagzeug einhaut.

Als Dream Pop wird der Sound von Beach House treffend bezeichnet, denn die Gleichzeitigkeit von rigiden, beinahe monotonen rhythmischen und melodischen Strukturen und dem permanenten Verwischen sämtlicher Klangkonturen durch schleifende Gitarren- und Synthesizer-Loops hat die realitätsverfremdende Qualität von Träumen. Ein Sound, der seine Ursprünge in den „Teenage Symphonies to God“ von Beach Boy Brian Wilson hatte und in den achtziger Jahren durch Bands wie Cocteau Twins und This Mortal Coil zu düsterer Pracht erblühte – und nun, nach über zwei Jahrzehnten und versprengten Epigonen wie zum Beispiel Slowdive wieder enorm hip ist. Beach House gelten zu Recht als aktuelle Champions dieser Disziplin. Überlässt man sich der einlullenden Suggestion ihrer Songs wie „Norway“, „Wild“, „Lazuli“ oder „10 Mile Stereo“, scheint die Schwerkraft so komplett aufgehoben, dass sich das Gestühl in der Volksbühne auf einmal wie Schäfchenwolken anfühlt. Gut aber auch, dass Beach House selbst an den Weckruf denken, ehe man im Traumzauberland endgültig wegdämmert. Jörg Wunder

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