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ALTE MUSIK

Muntere Büßer: Al Ayre Español

im Kammermusiksaal

Was sich hinter der Bezeichnung „auf spanische Art“ verbirgt, darüber könnte man aktuell mehr denn je ins Rätseln kommen. Der Dirigent Eduardo López Banzo hat lange Zeit damit verbracht, seine Antwort darauf zu finden. Wie spanische Barockmusik des 17. und 18. Jahrhunderts aufzuführen sei, war vergessen, lag im Dunkeln. Bis López Banzos Ensemble „Al Ayre Español“ („auf spanische Art“) sie so geistesgegenwärtig wiederbelebte, dass man gar nicht auf die Idee kommt, je ohne sie gelebt zu haben. Auf Einladung der Berliner Philharmoniker gastieren die Musiker im Rahmen der „Originalklang“-Reihe erstmals im Kammermusiksaal. Und bestreiten dort die erste Konzerthälfte komplett – mit Bach.

Auf spanische Art erklingt er in zarter Pracht. Die Orchestersuite Nr. 1 C-Dur streichelt López Banzo sanft in Form, animiert seine wunderbaren Musiker zu Tänzen, denen jede höfische Steifheit ausgetrieben wird, bis ein Lächeln übrig bleibt. In der kleinen g-Moll-Messe lassen die Spanier keinen Zweifel an unserer Büßerperspektive, ohne dabei in ein dunkles Drama zu stürzen. Das treffsichere Solistenquartett erreicht spielend Chorkraft, das Orchester ist stets gespannt, ohne je zu verkrampfen. Nach der Pause dann der schlagende Beweis: Joseph de Torres’ Villancicos nähern sich den Mysterien des Glaubens mit liedhafter Unmittelbarkeit. Ein virtuoses Wechselspiel von Volks- und Kunstmusik entbrennt, hinreißend musiziert zwischen Klage und Verzückung. Ulrich Amling

KLASSIK

Erscheinungen: Manfred Honeck

dirigiert das DSO in der Philharmonie

Der Name Walter Braunfels verbindet sich in der jungen Berliner Rezeptionsgeschichte mit dem Abschied von Christoph Schlingensief. Vier Jahre ist es her, dass er in seiner letzten Operninszenierung Braunfels’ „Jeanne d’Arc“ mit seinen fantastischen Bildern verrätselt hat. Sie galten einem Werk aus der inneren Emigration des Komponisten. Von den Nazis als „Halbjude“ ausgeschaltet und der Nachkriegsavantgarde nicht genehm, hat der Spätromantiker kein Aufführungsglück. Eine kleine Renaissance erinnert jetzt an seine Erfolge in den zwanziger Jahren. „Die Vögel“ liegen als CD des Deutschen Symphonie-Orchesters vor. Sie scheinen auch zu zwitschern in den lyrischen Stücken der „Phantastischen Erscheinungen eines Themas von Hector Berlioz“, etwa gleichzeitig entstanden während des Ersten Weltkriegs. Waldweben ist darin und Elfenspuk. Manfred Honeck macht sich um das umfängliche Variationenwerk verdient, indem er es verkürzt aufführt. Kontrastreich wechseln die Charakterstücke. Da Berlioz’ „Flohballade“ das Thema bildet, stürmen und hüpfen die „Erscheinungen“ mit rhythmischer Energie: Zeugnisse einer musikalisch frechen Zeit.

Das Spielerische stellt Anforderungen an das gefeierte DSO. Und der kapellmeisterliche Enthusiasmus Honecks befeuert die Musik, während der Schneid seines weitschwingenden Dirigierens in der Vierten von Brahms auf Kosten der Zwischenwerte geht. Als nobles Intermezzo gestaltet Jan Vogler den Gesang des Cellokonzerts von Honegger. Sybill Mahlke

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