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TANZ

Fackellauf: das Staatsballett

in der Komischen Oper

Gehen nun auch die Tänzer des Staatsballetts auf die Barrikaden? Zu Beginn der Uraufführung „The Open Square“ in der Komischen Oper ruft der sympathische Michael Banzhaf „Wir sind keine Marionetten!“. Ein Zwergen-Aufstand gegen den allmächtigen Choreografen, von diesem selbst angezettelt. Itzik Galili schafft es mit diesem peinlichen Auftakt, dass die Tänzer gleich doppelt benutzt wirken. Wenn dann ein Schuss fällt, suggeriert er freilich: den Choreografen auszuschalten, ist auch keine Lösung. Und so lässt das Mastermind zur dünnen Musik von Percossa dürftige Szenen abschnurren, in denen die Tänzer sich keinen Millimeter in Richtung Autonomie bewegen. Ein mechanisch ruckelndes Puppenballett wird abgelöst von einer Lichterketten-Idylle. Licht setzt Galili auf vielfache Weise als Gestaltungsmittel ein. Mikhail Kaniskin bahnt sich mit Elisa Carrillo Cabrera auf der Schulter seinen Weg durchs Dunkel und muss auch noch zwei Schilder hochhalten. „Light“ steht auf dem einen Plakat. Ein angestrengter Versuch, Botschaften zu vermitteln.

Galili, der über 50 Choreografien kreiert hat, ist berühmt für seine hochenergetische, komplexe Tanzsprache. Sein Können blitzt in den Ensembleszenen auf, wenn er die 20 Tänzer zu Grüppchen aufsplittet und gegeneinander verschiebt. Doch wenig überzeugend ist es, wie er den klassischen mit dem zeitgenössischen Tanz verbindet. Obendrein ist den Tänzern anzusehen, dass sie nicht hineingefunden haben in dieses neue Idiom. So kommt das Ensemble nicht richtig in Fahrt, es fehlt an Spannung, Dynamik und formaler Prägnanz. Galili wollte den Berliner Tänzern ein Licht aufstecken, doch von der Kraft des Kollektivs spürt man nur wenig an diesem Abend (wieder am 14./19./22. und 25.6.). Sandra Luzina

KLASSIK

Klagelied: Daniel Hope

und das Konzerthausorchester

Daniel Hope, der Geigenstar und Kommunikator, agiert gewieft wie immer. Bevor im mäßig verkauften Konzerthaus das „War Concerto“ von Bechara El-Khoury anhebt, mit dem Konzerthausorchester unter Cornelius Meister, spricht Hope einige Worte zu dem Stück, in dem er selbst die Geigenpartie übernehmen wird. Beide, Komponist und Solist, haben die Folgen von Flucht und Entwurzelung selbst erfahren, dieser als libanesischer Christ, er als junger Mann nach Frankreich emigrierte, jener als Abkömmling einer Familie, die Verschleppung und Ermordung erleiden musste. Hope beglaubigt den Kern des Violinkonzerts aber auch durch sein Spiel. Ein Klagelied, das er nun mit schwerblütigem Vibrato vorträgt; dunkle Streicherflächen umgeben ihn, drohende Trommelschläge, ein Kreischen in Holz und Blech. Als Zugabe spielt Hope das meditativ versponnene Springbogenstück eines Bach-Zeitgenossen, eine kluge Wahl.

Bei der Programmwahl des jungen, bereits hoch dekorierten Cornelius Meister dagegen, der das Konzerthausorchester danach durch Bruckners vierte Symphonie führt, muss man abwechselnd an Christian Thielemann denken, der die Vierte neulich so beeindruckend in Berlin dirigierte, und an einen Einspringer, der vor einiger Zeit Zuflucht zu Tschaikowsky nahm, weil er sich an die eigentlich vorgesehene „Eroica“ von Beethoven nicht herantraute. Jedenfalls dirigiert Meister sehr beachtlich, mit einer durchlässigen linken Hand, präzise schlagend und mimisch und körpersprachlich ganz den Eindruck eines Seniors am Pult gebend. Die Vierte bäckt unter seinen Händen hoch wie ein romantisches Soufflé, es klingt alles sehr schön. Nur Gewalt bekommt die Symphonie nicht, zwingend wird es nirgends. Christiane Tewinkel

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