KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Christian Broecking

JAZZ

Grenzüberschreitung:

das Schlippenbach Trio im B-Flat

Jeden Dezember unternehmen der Pianist Alexander von Schlippenbach, der Schlagzeuger Paul Lovens und der Saxofonist Evan Parker eine Tournee namens „Winterreise“ durch die deutsche Provinz. Bei ihrem Berliner Sommertermin überzeugen die drei Herren nun mit einem tiefen Griff in die Schatztruhe jahrzehntelanger Forschungserfahrung. Mit dem Trio hat Schlippenbach europäische Freejazzgeschichte geschrieben, sein Ideenreichtum macht das Konzert zu einem Ereignis. Mit der kollektiven Improvisationshaltung demonstriert Schlippenbach, was in dieser Musik so wundervoll funktioniert: Intensität und Dichte, schwindelerregende Klangtürme und leise Horizonte. In einem grandiosen Solo und im anschließenden Dialog mit Lovens führt Schlippenbach vor, wie relevant Thelonious Monk für die aktuelle Musik ist. Die Zirkulartechnik hat Parker virtuos ausgestaltet, so klingt das pure Vertrauen in einen grundlegenden Widerspruch dieser Gattung: Dass sich die gefühlte Grenzenlosigkeit mit der intendierten Grenzüberschreitung vertragen möge. Die Kunst bestehe im Weiterspielen, sagt Schlippenbach in einem Film von Bernd Schoch, der das Trio vier Jahre lang begleitet hat. An diesem Mittwoch um 21 Uhr hat das mit dem Arte-Filmpreis ausgezeichnete Porträt „Aber das Wort Hund bellt ja nicht“ im Kino Arsenal Berlin-Premiere, nachher diskutieren Schoch und Schlippenbach. Christian Broecking

KLASSIK

Klanghimmel: die Konzertreihe

des Chorverbands Berlin

Jeder ambitionierte Chor träumt davon, einen ganzen Konzertabend allein zu gestalten. Für die Hörer ist aber die Kombination von mehreren Ensembles oft noch gewinnbringender – insbesondere bei A-Cappella-Werken, bei denen es auf größtmögliche Vielfalt und Konzentration ankommt. Genau das macht die Sonntags-Konzertreihe des Chorverbands Berlin, bei der sich meist drei Ensembles von vergleichbarer Stärke im Kammermusiksaal treffen, so attraktiv. Höhepunkt der diesjährigen Saison zum 20. Jubiläum ist das Zusammentreffen der Vocal-Concertisten unter Kristian Commichau, des Ensemberlino Vocale unter Matthias Stoffels und des Neuen Chors Berlin unter Maike Bühle. Gleich zu Anfang spielen die Vocal-Concertisten ihre größte Stärke aus – Alte Musik (Clemens non Papa und Bach) so zu durchdringen, dass Text und Musik gemeinsam leuchten. Die Intensität, Präzision und Intonationsreinheit des Anfangs kann das Ensemble bei den folgenden swingenden Bach-Bearbeitungen leider nicht ganz halten. Homogener, körperlicher und etwas mehr struktur- als textorientiert präsentiert sich der Neue Chor unter dem schönen Dirigat von Maike Bühle. Das Ensemberlino Vocale betont schon in der Aufstellung die Individualität der Einzelsänger. Sein Programm mit Bruckner-Motetten berührt durch einen hoch konzentrierten, dynamisch differenzierten und besonders ab dem Mezzoforte volltönend-farbenreichen Klang. Alle mögliche Konkurrenz ist vergessen, als die letztgenannten zwei Ensembles den Saal mit einer vierchörigen Schütz-Motette in einen Raumklanghimmel verwandeln. Carsten Niemann

KLASSIK

Balanceakt: das Artemis Quartett

im Kammermusiksaal

Dieses Beben wird nicht mehr weichen. Daran lässt das Artemis Quartett keinen Zweifel, wenn es seinen Auftritt im Kammermusiksaal mit dem Quartettsatz c-Moll beginnt, dem „Unvollendeten“ unter Schuberts Streichquartetten. In diesem furios feinnervigen Auftakt zerbrechen tradierte Formen – und das Artemis Quartett spielt konsequent den Abend zu fünft weiter. Anstelle des eigentlich vorgesehenen Nicolas Angelich betritt mit Elisabeth Leonskaja eine grande dame des Klaviers das Podium. Eine gewichtige, eine eigenwillige Mitspielerin, dem Klangbild des Artemis Quartetts weder verwandt noch verschwägert. Das übt bei Schostakowitschs Klavierquintett g-Moll starken Reiz aus, einem Werk, dessen Klangraum sich permanent ändert und Geschlossenheit nur um den Preis des Klaustrophobischen denkbar ist. Leonskaja gibt großzügig von ihrer Erfahrung, ihrer gestählten Leidenschaft – und das Artemis Quartett nimmt jede Herausforderung an, motorisch kompromisslos und emotional ungeschützt. Bei Brahms’ Klavierquintett f-Moll klafft der Klangabgrund zwischen Klavier und Streichern tief. Es gibt keine Balance, man kann nur nach ihr suchen. Ovationen. Ulrich Amling

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