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Schöner Grigolo. Foto: Jason Bell/Sony
Schöner Grigolo. Foto: Jason Bell/Sony

POP

Näher dran: Suzanne Vega

im Heimathafen Neukölln

Nach Leonard Cohen gefragt, antworten Amerikaner eher verhalten, sagt Suzanne Vega im ausverkauften Heimathafen Neukölln: Cohen ja, doch nur in bestimmten Stimmungen. Sie lacht. Niemand wolle riskieren, für depressiv gehalten zu werden. Als sie mit 18 einen jungen Engländer kennenlernte und sie feststellten, dass sie beide Leonard Cohen mochten, uneingeschränkt und zu jeder Zeit, hat sie sich sofort in den Jungen verliebt. Eine Geschichte, die viel sagt über die heute 52-jährige New Yorkerin. Für den Freund von damals schrieb sie „Gypsy“, den bittersüßen Folksong, der auf ihrem Album „Solitude Standing“ (1987) erschien. Inzwischen hat sie ihn noch einmal neu aufgenommen, wie auch etliche andere Lieder aus dem Fundus von 25 Jahren, für ihre vierteilige „Close-Up“-Albenreihe. Hier ist alles sparsamer instrumentiert und näher dran, am Text, an der Geschichte, am Ohr des Hörers. Wie auch an diesem Konzertabend im intimen Theaterrahmen. Sie singt „Marlene On The Wall“, die erste Single von 1985, „Caramel“ mit lässigem Bossa-nova-Touch, die brillante Folk-Ballade „The Queen And The Soldier“, die Geschichte vom misshandelten „Luca“ und natürlich ihren größten Hit „Tom’s Diner“. Zwischendrin drei neue Songs, Kostproben aus „Carson McCullers Talks About Love“, einem Bühnenstück über die seelenverwandte Schriftstellerin. Höhepunkt des Abends ist das herausragende „Blood Makes Noise“, wo Gerry Leonard, der einzige musikalische Begleiter, seine E-Gitarre mit dem E-Bow kreischen, knarzen, kratzen und knistern lässt. Tosender Jubel nach drei Zugaben. H.P. Daniels

KLASSIK

Con amore: Vittorio Grigolo und Pretty Yende in der Philharmonie

Vielleicht gibt es in Berlin derzeit einfach ein Überangebot an Tenorstars: Im Mai waren Ramon Vargas und Juan Diego Florez da, Placido Domingo hat eine ganze Reihe „Simon Boccanegra“-Vorstellungen an der Staatsoper bestritten, am 8. und 14. Juni singt Joseph Calleja an der Deutschen Oper in „Lucia di Lammermoor“. Beim Konzert von Vittorio Grigolo jedenfalls ist die Philharmonie am Dienstag noch nicht einmal zur Hälfte gefüllt. Dabei würde man gerade dem jungen Italiener einen rappelvollen Saal wünschen.

Vittorio Grigolo ist nämlich nicht nur der attraktivste unter den Tenören mit Schallplattenexklusivvertrag, sondern auch der sympathischste. Wenn er Charles Gounods Roméo singt, verwandelt er sich in den jungen Montague. Dass er mitten in der Arie auf die Knie sinkt, ist darum nicht peinlich – sondern pure Rollenidentifikation. Selbstverständlich würde er auch im echten Leben Serenaden unterm Balkon anstimmen! Bei „Wie eiskalt ist dies Händchen“ streift er das Jackett ab, weil Puccinis Rodolfo nun mal ein Bohemien ist, als Marcello aus Donizettis „Duca d’Alba“ tigert er rastlos über die Bühne, in brennender Sorge um seine Liebste. Er kann nicht anders. Stimme und Körper bilden bei ihm eine Einheit, das Gefühl strömt einfach so aus ihm heraus, die Gliedmaßen müssen folgen.

In puncto Bühnentemperament gibt es unter den Tenören nur eine Vergleichsgröße: Rolando Villazon. Stimmlich aber könnten beide kaum unterschiedlicher sein. Dort der volle, üppige Sound des Südamerikaners, hier der schlanke, genuin italienische Klang des 1977 geborenen Toskaners. Was für herrliche Pianissimo-Schattierungen findet Grigolo für den Ferrando aus Mozarts „Così fan tutte“! Welch drahtig-dramatische Attacke legt er bei Verdis „Corsaro“ an den Tag! So sehr er sich emotional verausgabt, so unangestrengt wirkt doch sein Gesang: Ganz frei, ganz selbstverständlich entfalten sich die Melodiebögen, leuchtend, farbenreich.

Und das staatliche slowakische Sinfonieorchester ist ganz bei ihm, energetisch angetrieben vom jungen Maestro Daniele Rustioni. Hier wollen auch die Begleitmusiker wirklich mitmachen, geduldiges Partiturpapier zu prallem, glutvollem Leben erwecken. Oper als Volkstheater, das den Zuhörern ganz nahe kommt.

Und dann ist da natürlich noch Pretty Yende, die junge Südafrikanerin an Grigolos Seite: Für Massenets „Manon“ hat sie die große Divenpose, als Gounods Juliette aber lässt sie sich auf ein Tête-à-Tête mit dem Tenor ein, wie man es sinnlicher, heißblütiger kaum je auf einem Konzertpodium erlebt hat. Frederik Hanssen

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