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THEATER

Kunst des Augenblicks:

„Faustus lichterloh“ in Neukölln

Die gezielte Konfusion beginnt bereits bei der Genre-Bezeichnung von „Doktor Faustus lichterloh“, dem jüngsten Theater-Projekt der „Jungen Pächter“ in Zusammenarbeit mit der Neuköllner Oper. Eine „Sprechoper“ sei das, was die neun Darsteller zwischen 18 und 28 Jahren da unter der Leitung des 20-jährigen Regisseurs Arthur Romanowski zeigen. Gesungen wird zwar auch, Werbesongs zum Beispiel, aber von einer Oper ist das anarchische Stück weit entfernt. Es folgt Gertrude Steins Libretto „Doktor Faustus Lights The Lights“ von 1938, einem Stück Theateravantgardismus, an dem sich schon Robert Wilson die Zähne ausgebissen hat.

Die Premiere spielt im Jugendclub „Schlesische27“. Der Hof ist die Bühne, Zuschauer stehen zwischen Schauspielern. Eine Handlung gibt es nicht, dafür ein Wechselbad von Zuständen. Der weibliche Faust, der selbst Mephisto ist, versucht den Teufel zu verwirren: „Du wolltest meine Seele? Woher weißt du, dass ich eine habe?“. Das hält ihn natürlich nicht ab, sie dann doch „in bar“ zu verkaufen. Dafür darf Faust das elektrische Licht erfinden, muss aber in Kauf nehmen, dass die Sonne ermordet wird. Die Protagonisten durchleben rasante Wechsel von Entfremdung, Identitätsfindung und Schizophrenie.

Dass die Darsteller teilweise Laien sind, tut dem Stück gut. So funktioniert es als spontanes Happening, bei dem der Zuschauer die jeweils letzte Szene auch mal vergessen darf. Die Story spielt keine Rolle, worauf es ankommt, ist der Augenblick. Verweile doch, du bist so schön (nächste Aufführung am Sonntag, 17. Juni, um 16 Uhr in der Alten Kindl-Brauerei, Werbellinstr. 50). Erik Wenk

KLASSIK

Schönheit der Reduktion:

Sol Gabetta im Konzerthaus

Schon beim Auftritt von Sol Gabetta wippen die Streicher vom Konzerthausorchester Berlin enthusiastisch mit den Bögen. Offensichtlich hat die „Artist in Residence“-Frau dieser Saison nicht nur Respekt, sondern auch jede Menge Sympathien erworben. Und das strahlende Wesen der Argentinierin, dabei völlig uneitel und künstlerisch äußerst seriös, schafft auf Anhieb eine Atmosphäre des zugewandten, begeisterten Musizierens. Arvo Volmer am Dirigentenpult sorgt ebenfalls für mitreißende Präzision – man merkt, dass alle Beteiligten hier einen Riesenspaß haben.

Das bedeutet keineswegs, dass Schostakowitschs Cellokonzert Nr. 2 die Tiefe fehlt. Es trägt alle Spuren todtrauriger, manchmal sarkastisch aufbegehrender Resignation, die das Spätwerk des sechzigjährigen Komponisten prägt. Hohl klappert das Schlagwerk – wir sind alle Marionetten – zu grellen Holzbläserklängen und leeren Quinten des Soloinstruments. Innerhalb dieser Reduktion fasziniert Gabetta mit verzehrend sehnsüchtigen Kantilenen, um ihrem riesengroßen, samtigen Ton im nächsten Moment in zarteste Pianissimi zu überführen. Buchstäblich haucht sie ihm das Leben aus, lässt ihn starr und zerbrechlich werden. Stets ist das Können der Cellistin rückhaltlose, intelligente Ausdruckskunst.

Mit „Cantus in memoriam Benjamin Britten“ seines Landsmannes Arvo Pärt stimmt Volmer, Chefdirigent der estnischen Nationaloper, auf den tragischen Grundton ein, Gelegenheit für feine Abstufungen von Streichern und Glocken. Ausgesprochen virtuos, dramatischer Kontrastschärfe wird zum Schluss Antonín Dvorák Sinfonie Nr. 8 musiziert, ein Zeugnis sprühenden Lebens nach all diesen recht düsteren, letzten Dingen zugewandten Tönen.Isabel Herzfeld

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