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OPER

Lehrstück: Brecht trifft Hindemith

in der Staatsoper

Schon in den zwanziger Jahren diagnostizierten Bertolt Brecht und Paul Hindemith, dass sich das „bürgerliche Theatererlebnis“ überlebt habe. Ihr gemeinsames „Lehrstück“ sollte die Grenzen zwischen Bühne und Parkett aufheben und das Sender-Empfänger-Modell durch Improvisation und Interaktion ersetzen. Gleichwohl fehlt nicht das Parabelhafte: Unter dem Eindruck des ersten Ozeanüberflugs wird der blinde Glaube an die Technik, an die Unterwerfung der Natur durch den Menschen hinterfragt.

In der Werkstatt der Staatsoper im Schiller-Theater findet sich diese dramaturgisch revolutionäre Skizze (musikalische Leitung: David Robert Coleman) in einer Suppenküche wieder. Das Publikum soll Mensch-ärgere-dich-nicht spielen, Kartoffeln schälen, wässrige Suppe und harten Wodka ausschenken. Es soll auch die kommentierenden Choräle mitsingen und sich diskursiv beteiligen, was gegen Ende nur die Wagemutigsten tun, die den Experimentierern das Spiel nicht verderben wollen.

Regisseur Michael von zur Mühlen hat sich die Freiheit zur Stückzerlegung auch schon genommen, wo sie nicht wie hier ausdrücklich gefordert ist. Doch gerade diesmal bleibt seine Idee, das Publikum in einem Armenhaus zu provozieren, seltsam lasch. Es macht ja Spaß, parolenartig über einen verblichenen Kapitalismus zu lamentieren, aber wie peinlich ist die Simulation einer klebrigen Gremiendiskussion. Brechts Polittheater ist ebenso tot wie „Kunst als linkes Hobby“? Aha. Das „Geistige in der Kunst“ hat nichts mehr zu sagen? Beste Aussichten für den Kulturinfarkt. Christian Schmidt

KLASSIK

Das Mahler-Chamber-Orchestra

im Radialsystem

Mehr Dramatik gibt es auf keinem Fußballfeld: Im Radialsystem spielt das Mahler-Chamber-Orchestra Schostakowitschs Cellokonzert Nr. 1. Es ist eine Abrechnung mit der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, das hört man in jedem Takt dieser tiefernsten, gewaltigen Komposition. Die Solistin Alisa Weilerstein nähert sich dem Stück mit verbissener Strenge, geradezu extrem ist ihre Haltung: Sie gleitet mit festem, breiten Strich über die Saiten, entlockt ihrem Cello messerscharfe Töne, die sich bald in wirbelnde Klangkaskaden verwandeln. Dann kommt die Kadenz, ein Ausdruck emotionaler Ergriffenheit: Angst, Leid, Schmerz – die Stationen einer musikalischen tour de force.

Die Radiale Nacht bietet viele solcher ergreifenden Momente: Die Besucher können zwischen drei Sälen hin- und herschlendern und experimentelle, ungewöhnliche Musik erleben. Im 3. Stock wird Schostakowitschs 8. Streichquartett mit Klängen des DJs Georg Conrad vermischt, während in der großen Halle Alfred Schnittkes „Moz-Art à la Haydn“ erklingt. Es ist eine melodische, an Komik kaum zu übertreffende Collage, die vom Ensemble „Sasha Waltz & Guests“ tänzerisch begleitet wird – dem neuen Kooperationspartner des MCO.

Auch Pablo Heras-Casado muss mittanzen, musikalischer Leiter und Mann dieses Abends. Unglaublich, mit welcher Leichtigkeit und Akkuratesse er durch das Programm führt. Und welche Sensibilität er dabei zeigt! Gar kein Zweifel: Der Spanier mit dem quirligen Lockenkopf wird bald zu den Besten der Dirigentenwelt gehören. Tomasz Kurianowicz

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