KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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LIEDERABEND

Atemberaubend: Joyce DiDonato

im Kammermusiksaal

Joyce DiDonato lässt keine Wünsche offen. Dass ihre sensationellen Koloraturen bei Weitem nicht alles sind, was die amerikanische Mezzosopranistin zu bieten hat, davon überzeugt ihr deutsches Recital-Debüt: ein Liederabend im Zeichen Venedigs. Den vielgesichtigen Mythos Venezia erfüllt und erfasst ihre traumhafte Stimme so selbstverständlich, dass der Sprung von Vivaldi zu Fauré als das Natürlichste der Welt erscheint. Den schlanken, silbernen Klang und die italienische Simplizität behält sie nicht nur in den Cinq Mélodies de Venise des französischen Komponisten bei, sondern auch bei Schubert und Schumann, deren Venedig-Fantasie das „Mädchen aus Kansas“ auf sehr persönliche Weise nachvollziehen kann. Wie sie einen einzigen Ton mit so viel Atmosphäre und Leben zu erfüllen vermag, ist atemberaubend, genauso wie der magische Nachklang ihrer oft leise ausklingenden Phrasen. Niemals gibt sie dem Ton mehr Körper, als er braucht, anstrengungslos windet sie sich durch alle Register – und stets singt der Gedanke mit, was das Zuhören zu einem so ergreifenden und intimen Erlebnis macht. Dass ihr dramatisches Talent keiner Opernbühne bedarf, beweist DiDonato in Rossinis „La regata veneziana“, einem Mini-Drama aus drei Liedern in venezianischem Dialekt: Mit derselben Leichtigkeit und Glaubwürdigkeit, wie sie singt, verkörpert sie das Mädchen, das aufgeregt das Segelrennen ihres Geliebten verfolgt. Begeisterungsstürme im Publikum. Barbara Eckle

COMEDY

Schweißtreibend: PaGAGnini

im Tipi am Kanzleramt

Ernste Musik ist das nicht. Im Gegenteil: Humor muss mitbringen, wer sich auf ein Rendezvous mit dem Streichquartett „PaGAGnini“ einlässt. Es wird getanzt, gesprungen, geküsst und gelacht – im Tipi sind sich die vier temperamentvollen Spanier für keinen Spaß zu schade. Die Musiker nehmen in ihrem quietschlebendigen, schnell getakteten Programm alle Klischees des Konzertbetriebs aufs Korn: Ara Malikian mimt den strengen Chef mit genialischer Mähne, während sich Eduardo Ortega – typisch zweite Geige – aus dem Staub macht, um eine Jazznummer hinzuschmettern, die in einen Breakdance mündet. Auch der dritte Geiger Fernando Clemente tanzt aus der Reihe: Er jagt den dickbäuchigen Cellisten Gartxot Ortiz hüpfend durch den Raum, ohne sich ein einziges Mal zu verspielen. Respekt! Dabei müsste doch das Repertoire vollste Konzentration erfordern – immerhin bekommt man so artistische Stücke wie Niccolò Paganinis Caprice Nr. 24 und Mozarts 3. Violinkonzert zu hören. Die Kompositionen werden nicht ganz ausgespielt, und doch genießt man den Konzertreigen in vollen Zügen. Die Pointen sind messerscharf, die Musikfragmente temporeich arrangiert. Auch das Publikum darf hupen, tröten, singen, während die Musiker wie Rennfahrer um die Wette spielen. Sollte das Musizieren beim Tanzen gar besser funktionieren? Vielleicht ein Tipp an die Kollegen des ernsten Fachs (bis zum 1. Juli, tgl. außer am 18., 25. u. 26. Juni). Tomasz Kurianowicz

KLASSIK

Sauerstoffreich: Das DSO

mit Roger Norrington

Ganz schön angespitzt, der Bolero-Rhythmus in Ravels Klavierkonzert für die linke Hand. Gläsern klirren die Synkopen, wie überhaupt Roger Norringtons Ravel eher zur grell-abstrakten Komposition neigt als zum changierenden Farbenspiel. Der türkische Pianist Hüseyin Sermet verströmt innige Wehmut, was den Kontrast zur Unbarmherzigkeit des Orchesters noch verschärft – zumal die Aufstellung mit mittig aufgereihten Kontrabässen und seitlichem Blech für ohnehin eingedunkelten Frontalklang sorgt. Am Ende greift eine eiskalte Hand nach dieser zutiefst menschlichen Stimme: Ravel hatte das Werk für den kriegsversehrten Wiener Pianisten Paul Wittgenstein komponiert. Mit der wackeren MendelssohnOuvertüre zu Victor Hugos „Ruy Blas“, gefolgt von Ravel und Beethovens Dritter beschließt das Deutsche Symphonie Orchester seinen Saisonzyklus „Grenzwege“, um das Programm am Sonnabend nochmals in Istanbul zu präsentieren. Über Norringtons vibratolosen Beethoven ist viel gestritten worden. Nach Berlin hat er eine sauerstoffreiche, frühlingsluftklare Eroica mitgebracht, mit blank geputzten Konturen und plastischen Crescendi. Zu Norringtons Humanismus, seiner Fröhlichkeit mag das Kantige zunächst nicht passen. Aber der Verzicht auf Pathos lässt dem Trauermarsch etwas Tröstliches angedeihen. Und spätestens wenn er das Pizzicato-Thema des Variationssatzes hintergründig verschmitzt anlegt und das bestens aufgeräumte DSO mit keckem Überschwang ein finales Furioso hinlegt, weiß man wieder: Es tut gut, sich für die Klassiker des Repertoirebetriebs gelegentlich die Ohren waschen zu lassen. Christiane Peitz

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