KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

KLASSIK

Solo & Tutti: Yannick Nézet-Séguin bei den Berliner Philharmonikern

Da steht der Klarinettist allein auf der Bühne der abgedunkelten Philharmonie, vor sich drei Notenpulte, an denen entlang er sich musizierend bewegt, und spielt „Sequenza IXa“. Es ist ein Stück von Luciano Berio aus der Reihe von Solokompositionen für verschiedene Instrumente, die er geschrieben hat, um moderne Virtuosität im Spektrum von klanglichen Möglichkeiten, Spielarten, Gesten zu entfalten. Bei Walter Seyfarth wird mehr daraus als eine Demonstration seines Könnens. Er gehört zu den Orchestersolisten, mit denen die Berliner Philharmoniker prunken können, weil er aus eigener Vorstellungsgabe gestaltet. Seine Interpretation ist aus der Melodie geboren, auch wenn sie in Rasanz ausbricht. Assoziationen sind Cathy Berberians Singen und Franz Schuberts „Der Hirt auf dem Felsen.“

Yannick Nézet-Séguin, zum zweiten Mal bei den Philharmonikern, ist ein Dirigent, der das Publikum wie das Orchester elektrisiert. In der Fantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“ von Tschaikowsky begibt er sich aus dem zart modellierten choralartigen Tragödienton des Beginns in die hitzigen Kämpfe, die Liebesmelodie und Verklärung der Partitur. Da ist alles darin, das Russland Eugen Onegins, Eleganz, Pathos, Salon – von dem kanadischen Maestro mit feuriger Ästhetik angetrieben. Die Philharmoniker reagieren mit Brillanz.

Nézet-Séguin ist ja in seiner Körpersprache auch Tänzer. So dirigiert er nicht nur eine der Suiten, sondern die ganze lange Ballettmusik zu „Daphnis et Chloé“ von Ravel: Konzertante Tänze reihen sich als „Symphonie choréographique“: Musik von einem attischen Hain, delikat gespielt, wortlose Chöre (Rundfunkchor Berlin), impressionistische Farben, Atmosphäre und Klarheit, Andreas Blau (besonders gefeiert) als flötespielender Gott. Sybill Mahlke

KLASSIK

Sturm & Drang: Christian Zacharias und das Konzerthausorchester

Carl Philipp Emanuel Bachs emanzipatorische Experimentierfreude steht weithin immer noch im Schatten des berühmten, aber formalinsauren Vaters. Umso erfrischender, dass Mozartkenner und Klaviergigant Christian Zacharias eine Es- Dur-Sinfonie und eines der fast 40 Klavierkonzerte vom unterschätzten „CPE“ mit ins Konzerthaus bringt. Am preußischen Hof verbrachte der Komponist immerhin 30 Jahre in Berliner Diensten.

Und seine Musik trifft auch heutzutage auf durchaus bereitwillige Ohren und Finger. Mit welcher Frische und Neugier das Konzerthausorchester diese selten gespielten Werke ernst- und annimmt, wärmt das Herz. Es ist geradezu kindliche Nachhörfreude, die der unkonventionell tänzelnde Dirigentenpianist da in den sichtlich gut gelaunten Musikern weckt. Christian Zacharias weiß, was er an seinem CPE Bach hat, und er lässt ihn rosenzart aufblühen, nach vorn stürmen, Fragen aufwerfen. Das ist keine „fertige Musik“, das ist aus historischer Perspektive Aufbegehren, Glühen, Umsturz. Grandios, wie in den Streichern die aufreizenden Verschnörkelungen auf den Punkt kommen, nur Zacharias selbst ist am Klavier eher ein pedalsatter Eintrüber denn Archäologe: Manche Figur erkennt man kaum noch.

Dafür gibt er in Bernd Alois Zimmermanns humoresken „Kirmestänzen“ den vergnügten und in aller Virtuosität geforderten Bläsern des Orchesters großzügige Zuckerli. Wenn sie losgelassen, wirbeln sie ihre „falschen Einsätze“ und alkoholgeschwängerten Dissonanzen nur so herum, dass es kracht. Ihren Elan nimmt besonders die Hörnergruppe mit in Schumanns „Rheinische Sinfonie“, wo sie Präzision und Klangrundung nur umso schöner unter Beweis stellen kann. Leider ist dieser Schumann ansonsten hyperenergisch überspannt und lässt besonders in der Celloabteilung manche Intonationsfrage offen. Christian Schmidt

KUNST

Gruß & Kuss: Künstlerpostkarten

im Brücke-Museum

Die Erfindung der Postkarte kam einem Aufbruch in die Moderne gleich: Mitte des 19. Jahrhunderts setzte sich das Kommunikationsmedium erst in Österreich- Ungarn, später dann in Deutschland durch, wo die kompakte Briefform ganz dem nüchternen Zeitgeist der Weimarer Republik entsprach. Kein Wunder also, dass die Postkarte gerade bei Berliner Expressionisten auf Interesse stieß. Das kann man momentan im „Brücke-Museum“ verfolgen. Denn dort werden unter dem Titel „Besten Gruß ...“ individuell bemalte Postkarten der Künstler- Gruppe „Brücke“ gezeigt, darunter kleine Kostbarkeiten von Schmidt-Rottluff und Max Pechstein (bis 23. September, außer dienstags 11 - 17 Uhr). In den Bilderrahmen hängen die originalen Postkartenmotive, links daneben Fotografien der beschrifteten Flächen. Auf diese Weise kann man nachvollziehen, wo sich die Künstler aufhielten, was ihre Pläne waren und mit welchen Personen sie kommunizierten.

Aber nicht nur das: die Postkarten sind autonome Werke, auf denen Fragmente späterer Arbeiten oder stilistische Innovationen angedeutet werden. Charakteristisch ist die Auseinandersetzung mit Berliner Alltagsszenen. Beispielhaft zu erleben auf einer Postkarte von Ernst Ludwig Kirchner mit einem jungen, wild tanzenden Paar. Die Kreidezeichnung wirkt impulsiv, quietsch-lebendig, geradezu halsbrecherisch. Die grellen Farben und zackigen Konturen drücken eine Stimmung aus, die das Prädikat „jazzy“ verdient. Neues Medium trifft auf Neue Welt. Tomasz Kurianowicz

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben