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KLASSIK

Neue Töne: Die Akademie

für Alte Musik im Konzerthaus

Es gibt noch viel zu entdecken zwischen Bach und Mozart, wovon sich unser einseitig an „Meisterwerken“ ausgerichteter Musikverstand nichts träumen lässt. Vornehmlich am kaiserlichen Hofe zu Wien entstand so manche Perle des Übergangs vom Barock zur Klassik. Einige von ihnen hat die Akademie für Alte Musik von einer virtue1len „Dienstreise nach Wien“ ins Konzerthaus am Gendarmenmarkt mitgebracht, zum Staunen und Vergnügen eines zahlreichen Publikums.

Die reichsten Schätze bietet vielleicht Johann Joseph Fux, 1660 als Bauernsohn in der Oststeiermark geboren und als Hofkapellmeister Kaiser Karls des VI. zu Ruhm und Ehren gekommen. Neben einem mit köstlichen Fagott-Koloraturen versehenen „Rondeau“ für sieben Instrumente und einer durch Einbeziehung heimischer Tänze unkonventionell gefassten Ouvertüre g-Moll lässt das „Concerto für zwei Violinen, zwei Oboen und basso continuo“ d-Moll aufhorchen. Nicht nur sein Titel „Die Sanftheit und Bitterkeit der Nacht“ lässt Raum für allerlei Fantasien. Da heben Nachtwächter-Rufe in zartem Unisono an, steigern sich und halten das fünfsätzige Werk subtil zusammen, wird es hochdramatisch und tiefgründig in „Fantasie notturne“, bis sich die Kontrabassistin Miriam Shalinsky beim „Ronfatore“ („Schnarcher“) in grotesken Glissandi ergehen darf. Antonio Caldara, Vizedirigent der Fux’schen Hofkapelle, schlägt völlig andere Töne an, besticht in zwei „Sinfonien“ mit eindringlicher, affektgeladener Harmonik, die seinen eigenen Musikdramen entlehnt sind. Am ehesten einen traditionellen barocken Gestus pflegen noch Vater und Sohn Georg Reutter, wobei die „Ouvertüre“ des Jüngeren der „Ciacona“ des Älteren an Gediegenheit und Einfallsreichtum in nichts nachsteht – das alles so schwungvoll, detailverliebt und klangsinnlich dargeboten, dass auch der hartgesottenste Barockgegner nur dahinschmelzen kann. Isabel Herzfeld

KLASSIK

Krach und Karneval: Marek Janowski und das RSB in der Philharmonie  

Dvorak und Rachmaninow – ein gleiches Paar. Beide waren keine abstrakte Kopfarbeiter im Brahms’schen Sinne, beide haben eher aus dem Bauch heraus komponiert und werden bis heute von einem Teil des Publikums gerne als zu leichtgewichtig und schwärmerisch abgetan – vor allem der Russe. Die Absage des Pianisten Boris Berezovsky beim Saisonabschluss des Rundfunk-Sinfonieorchesters führt sie in einem Konzert zusammen. Denn Einspringerin Anna Vinnitskaya bringt Rachmaninows Paganini-Rhapsodie op. 43 mit in die Philharmonie, ihr Auftritt wird von zwei Dvorak-Blöcken gerahmt.

In seinen (als Einheit gedachten) Konzertouvertüren op. 91– 93 erzählt der Tscheche drei völlig verschiedene Geschichten: Vom Zauber der Natur, von der Explosion des Lebens im Karneval, von den Abgründen der menschlichen Eifersucht in der Geschichte Othellos. Marek Janowski animiert das Orchester mit seiner gewohnt präzisen Schlagtechnik zu kräftig-erdigem Spiel, kann oder will aber die Dynamik nicht recht im Zaum halten. Vor allem in den Finalsätzen wird es schon mal krachledern, wenn nicht plärrend.

Dann Vinnitskaya: Sie überzeugt mit sicherem Gespür für die Theatralik von Rachmaninows 24 Variationen, die ja alle, darin durchaus ein Spiegelbild von Dvoraks Ouvertüren, ihren eigenen, spezifischen Charakter haben. Wuselig-verhuscht ist das Spiel der Russin, aber auch brutal, aggressiv, lieblich, mechanisch, pathetisch, mit einem Wort: enorm wandlungsfähig. Dvoraks Slawische Tänze (aus dem zweiten Zyklus op. 72) schließlich würden in ihrer unglaublich reichen, schillernden Orchestrierung jeden echten böhmischen Dorfbewohner in ungläubiges Staunen versetzen. Die Dynamik bekommt Janowski an diesem Abend nicht mehr wirklich unter Kontrolle, aber wer denkt daran angesichts der Verve und klingender, praller Lebenslust, mit der das Orchester die Nummern Nr. 9, 10 und 15 spielt (und wiederholt)? Am Ende taumelt man selbst tanzend in die laue Sommernacht hinaus. Udo Badelt

THEATER

Aggressiv und abgebrüht: 

„Bye Bye Blondie“ im Ballhaus Ost

Gloria steckt sich einen Kaugummi in den Mund und warnt: „Ich habe mich von einem manipulativen zu einem aggressiven Typen entwickelt. Ich zieh’s vor, der ganzen Welt die Eier zu zerquetschen.“ So wundert man sich kaum, wenn sie sich eilig und grob den Weg von der kargen Bühne durchs Publikum bahnt, einem Zuschauer ins Gesicht brüllt oder anderweitig tobt und randaliert. Mit ihrer klaren, direkten Stimme vermittelt Ruth Rosenfeld in „Bye Bye Blondie“ nach der Romanvorlage von Virginie Despentes wirkungsvoll eine permanent geladene Intensität, dass man selbst in ruhigeren Passagen schon den nächsten Zusammenbruch brodeln spürt. Wie der Motor ihrer Raserei liegt ein unruhig grummelnder Klavierpart unter dem Geschehen. Die Koexistenz einer fragilen Violinstimme und harter Perkussionsschläge heben Glorias scheinbare Abgebrühtheit aus der Eindimensionalität heraus, ebenso wie gleichzeitig ablaufende Schwarz-Weiß-Videos.

Die koreanische Komponistin Eunsun Lee ist für dieses Ineinanderwirken der Medien bekannt. Nach und nach erschließen sich die Gründe für Glorias Tobsucht: Sie ist Opfer eines gewalttätigen Elternhauses und renitente Psychiatriepatientin, außerdem hat sie ihre große Liebe zugunsten eines bürgerlicheren Lebens verlassen. Zu guter Letzt wird sie aus der Verfilmung ihrer Leidensgeschichte wegen ihrer Aggressivität ausgeschlossen. Diese bitter-tragische Ironie lässt einen trotz zwangsläufiger Antipathie nicht kalt, denn so grotesk das Innenleben dieser kaputten Frau in Sophia Simitzis’ Inszenierung auch dargestellt ist – ganz realitätsfern, das weiß man, ist das nicht (wieder am 28., 29. und 30. Juni). Barbara Eckle

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