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KUNST

Biografisch: „Frauenbilder“

im Automobil Forum

Als erstes fällt auf, wie viele Gemälde der Ausstellung „Diva und Heldin – Frauenbilder in Ost und West“ aus Privatbesitz stammen. Das gilt für Sabine Slatoschs „Paar“ aus dem Wendejahr ebenso wie für das „Bildnis Judith Schäfer“, die Gudrun Petersdorff 1984 Modell stand. Ein Jahr zuvor hatte sich Slatosch auf Initiative ihres Mentors Volker Stelzmann um Aufnahme in den Verband Bildender Künstler (VBK) beworben, 1986 wurde sie Mitglied der DDR-Künstlerorganisation. Später dann dünnt ihre Ausstellungs-Vita sichtlich aus, und ohne sämtliche in der Ausstellung vertretenen Künstlerinnen biografisch seziert zu haben, wird es den anderen ähnlich ergehen. Wann gab es zuletzt eine institutionelle Ausstellung von Heidrun Hegewald – die in den siebziger Jahren an der Akademie der Künste in Weißensee eine malerische Sprache entwickelt hat –, die mit Stelzmann oder Willi Sitte konkurriert? Und wo konnte man sich zuletzt mit den Porträts der Heisig-Meisterschülerin Brigida Böttcher auseinandersetzen, die heute wie aus der Zeit gefallen wirken, dabei aber viel über das Rollenbild von Künstlerinnen in der DDR erzählen? Rosa Kühn, die mit dem „Großen Selbstbildnis“ von 1958 im Automobilforum Unter den Linden (bis 24. Juni, tgl. 10-20 Uhr) vertreten ist, hat das Museum Wolgast zum 80. Geburtstag immerhin eine Retrospektive eingerichtet. Ansonsten aber scheinen sie doppelt an den Rand gedrängt: erst in der vorgeblich gleichberechtigten DDR und nach der Wende von der westdeutschen Kunstgeschichte. Auch wenn es formal an der Schau einiges zu kritisieren gibt, muss man Kuratorin Simone Tippach-Schneider dankbar für diese Einsicht sein. Christiane Meixner

HIP HOP

Bizarr: Gonjasufi

im Kreuzberger Gretchen Club

Im Hip Hop gibt es Gangsta, Backpacker, Teacher, Freestyler, Pimps und andere Spezies mit bestimmten Images. Warum also nicht auch einen rappenden Yogalehrer aus Las Vegas mit Vollbart und Rastas, der sich gerne in die kalifornische Wüste verzieht, um dort auf spirituelle Erleuchtung zu hoffen? Allerdings gehört Gonjasufi, von dem hier die Rede ist, schon zu den seltsamsten Vögeln seiner Zunft. Nicht bloß optisch, sondern auch musikalisch. Wobei es ja schon erstaunlich ist, dass das, was Gonjasufi, der eigentlich Sumach Valentine heißt, im brechend vollen Berliner Club Gretchen darbietet, eindeutig als Hip Hop zu identifizieren ist. Fette Beats, Raps, ein klarer Fall von Hip Hop, so hat man es in der Schule gelernt. Was deswegen so überraschend ist, da auf den Platten von Gonjasufi weit weniger klar ist, ob man es gerade mit Hip Hop oder einer von Aliens importierten neuen Art elektronischer Musik zu tun hat. Freilich wäre Gonjasufi aber nicht Gonjasufi, wenn er und seine drei Mitstreiter auf der Bühne ihren Hip Hop nicht dennoch mit seltsamen Samples anreichern würden und anständig Fiepgeräusche zwischen die Beats mischen würden. Und unter keinen Umständen wird mit klarer Stimme gerappt, wirklich jeder Rap wird verzerrt, immer wieder mit anderen Effekten. Als ob das alles nicht schon verstörend genug wäre, singt der Meister, der mit seinen verwitterten Rastas aussieht wie ein Schiffbrüchiger, auch mal. Ohne dass der Gesang verfremdet wäre. Und das als Hip Hopper. Wahrlich: bizarr. Andreas Hartmann

KLASSIK

Besessen: Mischa Maisky

mit Tochter Lily im Konzerthaus

Der lettische Cellist Mischa Maisky hat die Gabe, das Publikum magnetisch anzuziehen. Im lückenhaft besetzten Konzerthaus kennt die Begeisterung am Ende keine Grenzen. Es ist das erste Konzert des Berlin International Music Festival, das, begleitet von einem Akademieprogramm, bis zum 28. August dauert. Michail Sekler fungiert als Künstlerischer Berater der Leiterin Mi Young Kim. Ihr Anliegen: „Verbindung von klasssischer Musik mit dem Erlebnis internationaler Lifestyle-Präsenz und stilvoller Stadtkultur in Berlins historischer Mitte.“

Maisky wird am Klavier von seiner Tochter Lily begleitet, deren Anpassungsfähigkeit das Fundament für die eigenbrötlerische Intensität seines Cellospiels bildet. Der Vater in flatterndem Seidenhemd, mit schwarzem Schweißtuch und wilder weißer Mähne wechselt im Ton zwischen kantablem Ansatz, rauer Stimme und Pathos mit viel Vibrato. Das Unvermittelte seiner Interpretationen, die Verliebtheit in sein Instrument wirken mitreißend, auch wenn er die Intonation großzügig behandelt. Schuberts Arpeggione-Sonate ist die Pflicht vor der Kür: Ein Strauß spanischer Tänze, zum Schluss de Falla, wird auf dem Cello mit Besessenheit gespielt. Sybill Mahlke

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