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KLASSIK

Große Gesten:

Andris Nelsons in der Philharmonie

Man könnte sich fragen, warum Andris Nelsons in der Philharmonie eigentlich so emphatisch die Arme reckt, als wolle er über sich selbst hinauswachsen und ganz Berlin, ach was, die Welt umfassen. Ist er in Gedanken noch im Bayreuther Graben, wo just die Wiederaufnahmeproben zu Wagners „Lohengrin“ begonnen haben? Freut er sich bereits auf das Waldbühnenkonzert der Philharmoniker am Sonntag, wo die Gestik gerne etwas größer sein kann, damit auch die Zuhörer in der hintersten obersten Reihe vom emotionalen Aufwand etwas ahnen? Die Erklärung ist so simpel wie atemberaubend: Wer so dirigiert, macht die Brust frei. Der ist bereit, alles zu geben, der zeigt sein Herz. Mit aller Verletzlichkeit, allem Bangen, aller Flucht nach vorn.

Und Nelsons gibt alles und dirigiert in der zweiten Hälfte des Abends eine grell moderne Fünfte von Tschaikowsky: Getragen vom unverbrüchlichen Glauben an diese Musik, scheut der Lette kein Pochen des Schicksals und keine Gefühlswallung. Er stellt sich, traut sich, und wie er den Spannungsbogen über alle vier Sätze hinweg hält, wie er Höhepunkte vor- und nachzubereiten versteht, wie sich die Intensität bisweilen ins Geräuschhafte steigert, das hat magische Qualitäten.

Die Philharmoniker danken es ihm mit purem Luxus: Allein die mürb-osmotischen Farbstudien der tiefen Streicher zu Beginn des Kopfsatzes oder die Horn- und Klarinettensoli im Andante cantabile lassen einen innerlich niederknien. Dabei waren Mahlers Wunderhorn-Lieder vor der Pause schier nicht mehr zu übertreffen: Musikantischer, volksnäher, lichter und bissiger hat man diese Lieder nie gehört. Erst Matthias Goerne aber, der Bariton, setzt dem Abend die Krone auf. Körpermusik treibt er, keine Strophe vergeht, ohne dass er den mächtigen Brustkorb nicht rhythmisch aufpumpt oder die Hüften kreisen lässt, halb Wozzeck, halb Moritaten-Filou. Goerne kann sich solche Exzentrik leisten, weil er alles über das Wunderhorn weiß: In der Kriegsseligkeit der „Schildwache Nachtlied“ lässt er Verblendung aufblitzen, „Es sungen drei Engel“ quietscht vor Ironie, und wenn ihn im finalen „Tambourg’sell“ der Tod wie ein Kummet zu Boden drückt, dann ist das so ergreifend wie die fahlen Ton- Gebeine, die er in „Revelge“ aufstellt. Ovationen. Christine Lemke-Matwey

POP

Tiefe Töne:

New Order im Tempodrom

Wie klingen New Order ohne den unvergleichlichen Bass von Peter Hook, der die Band vor einiger Zeit im Streit verlassen hat? Sind das überhaupt noch New Order? Nach dem ersten Konzert der Band in Berlin seit über einem Jahrzehnt am Donnerstagabend im Tempodrom und dem ersten in Deutschland ohne Hook ist klar: Sie sind es. Und sie klingen auch so. Der neue Bassist Tom Chapman versucht erst gar nicht, die eigenwillige Live-Performance seines Vorgängers mit dem tief an den Knien hängendem Instrument zu kopieren. Chapman spielt genau wie die in die Gruppe zurückgekehrte Keyboarderin Gillian Gilbert, Schlagzeuger Stephen Morris und Gitarrist Phil Cunningham brav seine Nebenrolle an der Seite von Bernard Sumner.

Der mittlerweile 56-Jährige Frontmann der Elektrosoundpioniere aus Manchester gibt auf der Bühne den Ton an – wenn er ihn denn trifft. Er wirkt dabei immer noch wie ein Schuljunge, der teilweise unbeholfen vor seinem Mikrofon herumzappelt, dazu gellende Pfiffe und seltsam deplatziert wirkende Schreie von sich gibt. Und Sumner stellt auch an diesem Abend unter Beweis, dass er eigentlich kein Sänger ist. Seine Stimme wirkt anfangs im dröhnenden Gitarrensound zuweilen regelrecht verloren. Das jedoch hält die Band nicht davon ab, auch ihre ganz alten Klassiker zu spielen. Aus der Zeit als New Order noch Joy Division waren und die tiefe Stimme von Ian Curtis für wohlige Gänsehaut sorgte.

Wirkliche Wehmut will deshalb allerdings nicht aufkommen. New Order sind an diesem Abend sichtlich gut gelaunt. Sie präsentieren ein anderthalbstündiges Best Of aus ihrem mehr als 30-jährigen musikalischen Repertoire. Die rund 3500 Fans im vollbesetzten Tempodrom gehen bei Hits wie "True Faith“ oder  "Blue Monday" begeistert mit. Das Publikum scheint zu wissen, dass es ein paar ganz Große der Musikszene vielleicht zum letzten Mal live erlebt hat. Jörg Leopold

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